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Druschba! Zu Besuch bei Genosse Lenin


2. Tag, Samstag 17. September

Strecke: St. Petersburg

St. Petersburg im Schnelldurchlauf. Zu Fuß, den ganzen Tag, von Licht an, bis Licht aus. St. Petersburg ist aufgrund seiner Vielzahl an Prunkbauten UNESCO Weltkulturerbe und es bevölkern fast so viele japanische Tourist_innen wie Locals die Stadt. Der nur 74 km lange Fluss Neva durchquert die Stadt und verzettelt sich in mehreren Kanälen. Die Öffis präsentieren sich wildromantisch, die Metrostationen überdimensional, die Mobiltelefondichte ist bei weitem geringer als zu Hause und für ein Bahnticket (für die morgige Stadtflucht) muss der Reisepass vorgelegt werden. Fürs Rauchen am falschen Platz gibt es eine Ermahnung, dafür glauben die Russ_innen noch an die Ehe in Weiß, Samstag ist Hochzeitstag und die Arm-Reich-Schere sticht ins Auge. Am Nachmittag wird dem Genossen Lenin ein Besuch abgestattet. Den übrigen Touristen ist der ehemalige Revolutionär relativ wurscht, den Einheimischen ebenso. So steht der einstige Held an zwei dezentralen Nebenschauplätzen im Stadtbild herum und harrt der Dinge. Der aktuelle Held der Souvenierstände heißt Vladimir Putin: als Pilot, mit Panzer, mit Bär und immer stark.

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1 1/2 Kilo Übergewicht, 5 Millionen Russ_innen und wo Lenin wohnt


1. Tag, Freitag 16. September

Strecke: Wien – St. Petersburg (Flug)

Streckenlänge: 1.575 km Flugzeit: 2 h 30 min

Die Tour entlang des Eisernen Vorhangs geht weiter. Ein wenig mehr als zwei Monate Wien am Stück, das reicht dann auch wieder. Das Reisefieber brennt. Diesmal ist auch meine Liebste mit an Bord. Die beiden „Bobo-Porsche“ (© Reinhold Schachner) sind geschmiert, aufpoliert und bondaged im Bauch des Flugzeugs. Im Vergleich zur letzten Tour hat das Reisegepäck eine Wampe (Bauch) bekommen. Um ganze eineinhalb Kilo zugelegt, das macht die Herbstpanier (wienerisch für wärmere Kleidung). Gelandet auf russischer Erde begrüßt uns nach Abhandeln aller Grenzformalitäten als erstes der Klassenfeind in Form von schlechtem Kaffee: Starbucks. Die ersten Eindrücke im Herzen der Stadt: Gefühlte fünf Millionen Russ_innen, gespürte Kältegrade, ein Geräuschpegel a la Motörhead (R.I.P), ein Mörder-Verkehr und viele Menschen auf der Suche nach ein paar „Kopeken“. Auf die Frage – „Wo Lenin wohnt“ (der zur Säule Erstarrte) – erkundigt sich die Rezeptionistin bei Google. Na dann gute Nacht!

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Der Körper ist gelandet, der Geist ist noch unterwegs


29. Tag, Freitag 08. Juli

Tsarevo – Burgas -Sofia – Wien

 

Die Zusammenfassung

Start: Wien/Wasserwiese

Ziel: Tsarevo/Bulgarien/Schwarzes Meer

Länder: 11 bereiste Länder (Österreich, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Griechenland, Türkei).

Grenzübertritte: 24

Gefahrene Kilometer: 2.712 (bis Tsarevo)

Gefahrene Rad-Kilometer: 1.934 (bis Tsarevo)

Reisetage: 29

Bettenstationen: 27 verschiedene Betten (davon eines – in Tsarevo – doppelt belegt)

Der Körper ist gut in Wien angekommen, der Geist schwebt noch irgendwo zwischen Schwarzem Meer und Wasserwiese. Es ist an der Zeit mich vorerst von euch zu verabschieden, vielen Dank fürs Lesen, Liken, Begleiten und für euren Zuspruch. DANKE!

Ab Mitte September geht es wieder los. Ein weiterer Abschnitt des Eisernen Vorhangs wird abgeradelt. Auf dem Programm steht: St. Petersburg (RUS) – Riga (LV).

Alles Liebe & Dank
Mario

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Nix radeln, nur faulenzen mit dem Blick aufs Schwarze Meer


28. Tag, Donnerstag 07. Juli

Tsarevo (Zarewo, BG) (Karte)

Gestern Abend. Beim Erfrischungsgetränk kommt die große Trauer. Sind es die L`amour-Hatscher die aus der Juke-Box der Hafenkneipe dröhnen oder ist es schlicht und einfach eine Entlastungsdepression?
Heute Morgen. Aufstehen, frühstücken, nix radeln. Ungewohnt. Tsarevo ist vom großen Tourismus (noch) verschont geblieben. Kleine unaufgeregte Hotels, kleiner Strand, kleine Fußgängerzone mit dem üblichen Tralala. „Gringo“, so scheint es, bin ich der einzige vor Ort. Ein bisschen die Beine lang machen, mit Blick aufs Schwarze Meer. Die Füße hab ich gestern schon reingestreckt, das reicht. Die letzten Aufgaben: Das Brompton flugfertig machen und hoffen, dass der Fahrer morgen früh meinen Flughafentransfer nicht verschläft. Morgen folgt ein Blogeintrag mit Statistik.

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In der Schmuddelstraße, alles wieder anders, das Schwarze Meer


26. Tag, Mittwoch 06. Juli

Strecke: Kirklareli (TR) – Tsarevo (BG)

Streckenlänge: 105 km      Fahrzeit: 6 h 50 min

Gestern Abend war ich noch auf einen Sprung in der Schmuddelstraße. Eine enge Seitengasse, wo Bier ausgeschenkt und auf Pferde gewettet wird. Männer only! Kirklareli hat sich gelohnt, eine lebendige Kleinstadt fern ab vom Tourismus nahe der bulgarischen Grenze.
Der Reise-Plan war, mich in gemäßigten Schritten dem Ziel anzunähern. Es ist anders gekommen. Flüge in die Heimat unter fünf Stunden waren nur noch am Freitag verfügbar. So mussten heute die ganzen, fehlenden, 105 km auf einmal bewältigt werden. Und nach dem Frühstück waren sie wieder da, die Berge, gleich hinter Kirklareli haben sie sich aufgebaut. Mächtig.
Von Kirklareli bis Tsarevo war es eigentlich nur eine einzige Straße die zu bezwingen war. Anfangs guter Asphalt und immer bergauf (insgesamt waren es über 1.000 Höhenmeter), nach dem Grenzübertritt nach Bulgarien gings bergab. Auch mit der Straßenqualität. Der Genuss der Abfahrten wurde durch einen unpackbaren Schlagloch-Slalom gedämpft. Weiters, vom Start bis zum Ziel keine Dörfer, nur auf Abwegen. Keine außergewöhnlichen Flüssigkeiten, bis auf die rettenden Trinkbrunnen. Ehrlichkeitshalber muss ich sagen, einer „kurzen“ Mitfahrgelegenheit hab ich nicht widerstehen können. Die einzigen lebendigen Kontakte außer Grenzkontrolle und der erwähnten Mitfahrgelegenheit war eine Ziegen-Herde im Wald. Aber dann: Das Ziel. Das Schwarze Meer. Ich gehe noch immer auf Wolken. Unbeschreiblich! Ein zarter Rausch.
Ich verabschiede mich jetzt, hab noch zu feiern. Das erste Zielfoto schon heute, das offizielle mit Rad und Radler folgt morgen.

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Der Muezzin ruft, Gegenwind und was endlich einmal gesagt werden muss


25. Tag, Dienstag 05. Juli

Strecke: Edirne – Inece – Kirklareli (Karte)

Streckenlänge: 67 km      Fahrzeit: 4 h 33 min

Schwer überfordert! So viele Kulturen in so kurzer Zeit. Gestern beim Abendessen (Hühnerleber, eine Spezialität) hat mich der Muezzin erschreckt. Punkt 21 Uhr. Sehr laut! Viele Gastarbeiter sind zur Zeit auf Heimaturlaub. Am Nachbartisch, die Jugend unterhält sich auf Deutsch, die Eltern sprechen mit der Verwandtschaft Türkisch. Auch mein gestriger Friseur arbeitet in Deutschland, macht gerade Urlaub bei seiner Familie und hilft im Laden eines Freundes aus. Sozusagen eine Haar- und Bartkorrektur im Pfusch.
Heute sollte es eine Spazierfahrt werden. Fast. Das Herausfinden aus der Stadt war eine Aufgabe für Fortgeschrittene. Die Straße immer leicht hügelig, der Belag bekömmlich, meine Freund_innen die Wolken haben die gelbe Sau perfekt abgedeckt, aber der Gegenwind! Gute 60 Kilometer Gegenwind. Er hat die vermeintliche Spazierfahrt zur Tortur werden lassen. Durchschnittsgeschwindigkeit unter 15 km/h. Der schlechteste Wert seit Beginn der Reise! Wurscht, ich bin gut angekommen.
Und was ich schon lange berichten wollte. Ein Hoch auf die Mini-Märkte! ABC-Markt, Magazin Mixt, Mini-Market, … oder wie auch immer. Fast jedes Dorf besitzt so einen Mikro-Laden, wo es von Wasser und Brot bis zum Waschmittel die wichtigsten Gegenstände des täglichen Lebens zu erwerben gibt. Ab dem Grenzübergang Berg (A/SK) ist das ganz selbstverständlich. Solche Greißler, die aus dem heimischen Alltag komplett verschwunden sind, sind für die/den Reisende(n) von unschätzbarer Bedeutung. Diese Läden sind multifunktional ausgestattet und in manchen Dörfern der einzige Treffpunkt. Praktisch Wirtshaus, Trafik, Lebensmittelmarkt und Sozialamt in einem. Tagtägliche Lebenshilfe, also wirkliche Super-Märkte!
Zurück ins Heute, auch wenn die türkischen Mini-Märkte für meine Bedürfnisse nicht ausreichend sortiert sind – trotzdem großartig! Wunderbarer Cay und möglicherweise ganz tolle Geschichten, nur verstanden hab ich sie nicht.

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Flachland auf Bergland, Grenze auf Grenze, große Stadt auf kleine Stadt


24. Tag, Montag 04. Juli

Strecke: Ivajlovgrad (BG) – Kyprinos (GR) – Rizia – Kastanies – Edirne (TR) (Karte)

Streckenlänge: 44 km      Fahrzeit: 2 h 26 min

Eine kleine Spritztour sollte es heute werden. Trotzdem ist viel passiert. Zwei Grenzübertritte. Aufs Bergland der vergangenen Tage folgt Flachland. Brettleben geht es durch Griechenland. Felder, Sonnenblumen, kleine Dörfer, nette Menschen, dennoch blieb es bei einem Kurz-Gastspiel, schon wartet die nächste Grenze. Bewaffnete Grenzsoldaten sowohl auf griechischer als auch auf türkischer Seite. Eine alte Geschichte. Auf das verschlafene Ivajlovgrad und die griechische Landidylle folgt das pulsierende Edirne. Viele Menschen, viele Moscheen, ein Bazar nach dem anderen, viel Verkehr, viel Lärm. Sonne und Gewitter wechseln sich ab. Und jetzt ist es an der Zeit, der Pelz im Gesicht muss weg, ein türkischer Friseur muss her. Voilà!
Das Blog-Schreiben gestaltet sich mühsam, ständig werde ich zum Tee trinken eingeladen. Vier Einladungen habe ich schon hinter mir. Zum Thema Trinken. Die Getränkekarte hat sich radikal verändert, auf der Liste stehen Cay und Ayran ganz oben. Zum Wohl.

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In de Berg bin i gern, ein Unwetter und ein Bärenschöpfer Glück


22. Tag, Samstag 02. Juli

Strecke: Dospat – Borino – Grohotono – Siroka Laka – Smoljan – Ustovo – Madan – Ardino – Kardzali

Streckenlänge: 197 km (davon 48 km/Rad)      Fahrzeit: 6 h 30 min (davon 2 h 25 min/Rad)

Angefangen hat alles traumhaft. Sonnig, bei perfekten Radtemperaturen. Wunderbare Ausblicke, unglaubliche Bergwelt. Schluchten, Flüsse, kleine Dörfer, ruhige Straße, erträgliche Steigungen. In de Berg bin i gern! Bis sich ein Unwetter zusammenbraute. Vorbei mit der Bergromantik und Beginn aller glücklichen Fügungen. Blitze, Donnergrollen, die ersten Tropfen. Das erste vorbeikommende Auto, ein Treffer, bringt mich über Umwege zu einer Busstation. Der Bus war verspätet, mein Glück. Ein darauffolgender Busmarathon, drei verschiedene Busse, jeden auf die Minute erwischt (und das ist die Kurzversion), ließ mich durchgeschüttelt, aber glücklich in Kardzali landen. Der Regen war noch immer da. Und jetzt ein Erfrischungsgetränk. Auf mich und mein Glück!

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Heute mach ich blau, trotzdem läuft nicht alles wie geplant


21. Tag, Freitag 01. Juli

Strecke: Goce Delcev – Dospat

Streckenlänge: 52 km (Bus)      Fahrzeit: 1 h 30 min

Goce Delcev hat es sich verdient noch ein wenig zu verweilen. Der Vormittag wird vertrödelt. Ordentlich frühstücken, in die Luft schauen, beobachten. Auffallend ist die Schrittgeschwindigkeit der Delcever_innen die den Namen auch verdient. Es lebe der Schlendrian. Obwohl Bulgarien uns eine Stunde voraus ist, laufen hier die Uhren langsamer. In den kleinen Straßencafes ist das Platz nehmen auch ohne Konsumation gestattet, die Bestellungsaufnahme hat Zeit und alles Raucht. Sehr viele Kinderwägen und Mütterstammtische, nur die Mobiltelefone sind genauso beliebt wie bei uns zu Hause.
Um 14 Uhr geht mein Bus nach Dospat. Schluß mit Bergstrecken, heute wird mein Brompton nur im Nahverkehr eingesetzt. Dospat liegt auf 1.200 Meter. Ein aus der Zeit gefallenes moslemisches Bergdorf. Zwei Moscheen, die Straßen desolat, die Gehsteige in Arbeit, an den Häusern nagt die Zeit. Viele Geschäfte sind geschlossen, aber die Hotels sind bestens belegt, was an dem nahe gelegenen See und der reizvollen Berglandschaft liegen mag. Eigentlich sollte Dospat nur ein Zwischenstopp sein, aber die Busverbindungen sind rar und morgen geht gar kein Bus in meine Richtung. Ich werde mich wohl wieder aufs Rad schwingen müssen. Durch die Berge.
Gerade zieht ein Gewitter auf. Koid is!

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Liegen gelassen


21. Tag, Donnerstag 30. Juni

Strecke: Marino Pole – Katunci – Gorno Spancevo – Dobrotino – Goce Delcev (Karte)

Streckenlänge: 58 km (davon 42 km/Rad)      Fahrzeit: 3 h 15 min (davon 2 h 41 min/Rad)

Wie auf jeder meiner Reisen bleiben auch auf der Eisernen-Vorhang-Tour Kleidungsstücke von mir zurück. Ein vor dreizehn Jahren gestartetes Projekt hat heuer Aufnahme in die Wiener Boulevardzeitung Augustin gefunden.
„Liegen gelassen“ im Sinne von – „Wherever I lay my hat, that’s my home“. Die Souvenirs bleiben in den Regalen, stattdessen lasse ich an ausgewählten Plätzen ein Stück von mir zurück. So wie heute in Goce Delcev. Die nach dem Revolutionär Georgi (Goce) Deltschew benannte Stadt hieß bis 1951 Nevrokop. In Bulgarien und Mazedonien gilt Deltschew bis heute als Nationalheld. Die Rohbauweise im Fotohintergrund ist nicht immer beabsichtigt, wird aber gleichzeitig als Stilmittel eingesetzt. Das hat was! (Apropos Augustin, die neueste Ausgabe erscheint am 6. Juli)
Der Popski Pass (1.120 Meter) wurde heute auf vier Etappen bezwungen. Radfahrend, mitfahrend (Geländewagen), radfahrend/schiebend und wieder mitfahrend (PKW). Wie auch immer, irgendwann war ich dann oben. Bei der darauffolgenden Abfahrt habe ich die vorgegebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen fallweise übertreten. Schön wars. Die Weiterfahrt habe ich verpasst, aber das macht gar nichts, Goce Delcev ist sehr reizvoll.