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Standbild auf 131 Kilometer


2. Tag: Mittwoch, 14. Juni

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Strecke: Jūrmala – Ragaciems – Engure – Mērsrags – Roja – (nahe)Kolka

Streckenlänge: 131 km
Fahrzeit: 7 h 45 min

Gestern ist auch noch mein Blog im dunklen Netz verschwunden … Heute ist wieder alles gut, sogar die Sonne traut sich aus der Deckung. Die Stadtausfahrt durch Jūrmala zieht sich ewig. Dannach wird es ruhiger, ein endloses Asphaltband in der Mitte, links Bäume, rechts Bäume, ganz rechts außen die Ostsee. Das Meer ist schüchtern es zeigt sich nur selten, obwohl fast immer in Griffweite. Die ersten Radreisenden sind mir begegnet, in der Gegenrichtung, den Wind im Rücken. Weiter geht’s, es sind noch zu viele Kilometer. Das Bild bleibt stehen: Straße, Wald, Dorf, Straße, Wald, Dorf und hin und wieder ein Meerblick. Das hat etwas beruhigendes, nur nicht auf 131 Kilometer. In den Ortschaften singen die Möwen. Fast jedes Dorf verfügt über einen Mini-Super-Mark, geöffnet von 8.00 – 22.00, für Rad-Reisende ein Traum. Das letzte Erfrischungsgetränk macht macht müde, es ist an der Zeit einen Schlafplatz zu suchen. Heute wird das Zelt eingeweiht!

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Anfangen tut’s nicht gut


1. Tag: Dienstag, 13. Juni

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Strecke: Wien – Riga (Flug) – Flughafen – Jūrmala

Streckenlänge: 18 km Fahrzeit: 1 h

Der erste Fettfleck verewigt sich schon beim Frühstück in Schwechat auf der einzigen langen Hose im Reisegepäck. Auch bei der Faltrad-Überstellung gibt es Probleme, viele Augen müssen zugedrückt werden bis das Reisetransportmittel im Bauch des Flugzeugs verschwindet. Der Abflug verspätet sich um 40 Minuten und bei der Landung in Riga ist das Brompton nicht einsatzbereit. Der hintere Gepäcksträger ist arg verzogen, genauso wie der Kotflügel, das Hinterrad blockiert! Eine Reparatur mit meinem Minimal-Werkzeug scheint unmöglich. Endstation am Anfang? Meine innere Ruhe überrascht mich. Eineinhalb Stunden treten, biegen, schrauben und der Schaden ist behoben, das Brompton läuft wieder wie ein Glöckerl. Der Temperatursturz um 15 Grad sorgt auch nicht für Frohsinn. Regen auf allen Wegen. Eine Kurzstrecke geht es über die A10 (gar nicht fein) bis ein Radweg gefunden ist, der mich nach Jürmala führt, es bleibt nass. Genug, heute wird nicht gezeltet, ein Zimmer muss her. Jūrmala ist der Badestrand von Riga, Sandstrand über 15 Kilometer, putzige Holzhäuser, Villen und Burgen für betuchte Tourist_innen. Die Preise für Fest- und Flüssignahrung übertreffen die der Wiener Innenstadt. Die Fußgängerzone ist leer, nur vereinzelt zahlungswillige Reisende. Das Bahnhofs-Resti versöhnt mich. Trotzdem, ich will weiter …

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Mir geht der Reis!


12. Juni

Nur noch ein Mal schlafen

Coole Sau hin oder her, mir geht der Reis (wienerisch für: sehr aufgeregt) … Das Probeliegen war ein voller Erfolg. Nur in der Früh war’s huschi, von unten kam die Kälte, dann der Schlafsack! Nicht nur als Unterlage, zu der Zipp und alles war gut und warm. Alle Taschen sind gepackt, die letzte Nacht schlaf ich dann doch in der Hütte. Morgen wartet eine der unangenehmsten Etappen der Reise, Flughafen, Rad einpacken, Flug, Flughafen, Rad auspacken, …

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Fang die Luft, Probeliegen unterm Marillenbaum


11. Juni

Noch zwei Mal schlafen

Knapp über acht Minuten und das Haus steht. Jetzt gehört nur noch das Bett gemacht. Fang die Luft! Mit einem Plastiksack wird Luft gefangen und per Armdruck in die Liege befördert. Fangen, drücken, fangen drücken und das Bett ist liegefertig. Das „Schöner-Leben-Gefühl“ ist perfekt. Danke Treksport! Probeliegen unterm Marillenbaum, noch ist alles ein Spaß, die Schrebergartenhütte und ein herkömmliches Bett sind nur drei Schritte entfernt. Jetzt rein mit mir und Augen zu.

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Ein ganzes Haus, samt Bett im Taschenformat


10. Juni

Noch drei Mal schlafen …

Ich hab leicht lachen, die Ausrüstung steht. Diesmal gibt es Zusatzgebäck neben der Minimal-Grundausstattung. Um mich schon heuer auf das Norwegen-Finnland-Abenteuer im nächsten Jahr vorzubereiten führe ich ein ganzes Haus samt Bett mit mir. Klingt wahnsinnig – obwohl – alles passt in eine unterdurchschnittlich große Umhängetasche, die am hinteren Gepäcksträger mitfährt. An dieser Stelle großer Dank an Mirijam und Robert vom Outdoorausrüster Treksport (www.treksport.com) in der Stumpergasse 16, für die kompetente, sowie geduldige Beratung. Das Aufbau-Trockentraining im Shop hab ich bestanden, morgen folgt die Nagelprobe in der freien Natur unterm Marillenbaum im Schrebergarten.

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Wasserbüffel, die Brücke von Andau und Licht aus!


Sonntag 19. Februar

Strecke: Fertöd – Pamhagen – Andau – Halbturn – Nickelsdorf

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Streckenlänge: 79 km      Fahrzeit: 4 h 44 min

Um Punkt zehn Uhr steht Freund und Fotografen-Kollege Alexander Fortunat auf der Matte. Ein wunderbarer Reisebegleiter. Schluss mit Esterházy, wir verlassen Fertöd auf Schleichwegen in Richtung Pamhagen. Ein gelb-graues Asphaltband führt inmitten von Feldern durch den Seewinkel. Die Wasserbüffel-Farm am Wegesrand wirkt wie bestellt, klassisch, kitschig, romantisch. Pamhagen. Wallern. Alles fein asphaltiert. Auf der ungarischen Seite windet sich ein Pfad einen Entwässerungs-Kanal entlang, sehr erdig um nicht zu sagen gatschig, bis zur historischen Brücke von Andau. 1956 im Verlauf des ungarischen Aufstands flohen 70.000 Menschen über diese Überführung. Von ungarischen Soldaten gesprengt, gibt es inzwischen eine neue gemeinsam erstellte Erinnerungsbrücke, 2006 errichtet. Die Sonne ist unsere Zeugin auf all unseren heutigen Wegen. So viel zu den Highlights. Eine von zahlreichen Künstler_innen gestaltete Allee führt bis nach Andau. Ab jetzt wird es langsam ungemütlich, endlose Geraden, allerorts versteckte Grenzsoldaten auf der Suche nach illegalen Grenzgängern, die Sonne verschwindet und auf einmal – Licht aus. Das angestrebte Ziel Petrzalka liegt in weiter Ferne. Einziges Licht am Horizont die Jazz-Hauptstadt Nickelsdorf und die Zugverbindung nach Wien. Im Bahnhofs-Resti findet gerade ein Kinderfasching sein Ende. Die Raaberbahn führt uns sicher nach Bruck, die ÖBB weiter nach Wien. Der „Goldene Löwe“ spendet das letzte Erfrischungsgetränk an diesem wunderbaren Wochenende entlang des Eisernen Vorhangs …
Abendprogramm: Schuhe putzen.

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Männergesangsverein Assuan, endlose Ruhe und schon wieder Esterházy


Samstag 18. Februar

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Strecke: Eisenstadt – Rust – Mörbisch – Fertörákos – Balf – Fertöd

Steckenlänge: 53 km      Fahrzeit: 2 h 45 min

Von Eisenstadt aus führt die Route über den Ruster-Berg in die zur Zeit von Störchen verlassene Storchen-Haupstadt Rust. Abseits von Störchen eine Kuriosität am Rande: In Rust trifft die Männersinggemeinschaft Assuan (Ägypten) auf den Männersingbund Rust (siehe Fotos). Die Zusammenkunft passiert in Form eines Wandbildes. Ein Radweg führt zwischen Wein und Schilf weiter bis in die Festspielstadt Mörbisch. Der ehemalige Eiserne Vorhang ist nicht mehr weit. Am einsamen Fahrrad- und Fußgänger-Grenzübergang friert sich ein alleingelassener Bundesheerler den Arsch ab. Der alternative Zivieldienst wäre sinnvoller als auch gemütlicher, aber das würde jetzt zu weit führen …
Für rastlose, sowie misanthropische Herzen bietet der Neusiedler-/Eiserner Vorhang-Radweg, gerade um diese Jahreszeit einen ruhespendenden Sehnsuchtsort. Menschenleere Radwege, Graugänse, Schilf und Wein. Kurz nach Mörbisch vereinigt sich der Neusiedlersee-Radweg mit dem Eisernen Vorhang-Radweg (www.eurovelo13.com). Eine teils holprige, dafür verkehrsarme Bundesstraße sowie ein romantisch verwurzelter Radweg führen durch ausgestorbene Dorf-Landschaften. Aber keine Angst, auch um diese Jahreszeit sind geöffnete Labestationen ausreichend vorhanden. Fertöd ist bald erreicht und schon wieder wartet ein Schloss, und schon wieder Esterházy!

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Stadtflucht Richtung Osten


Freitag 17. Februar

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Strecke: Sigmundsgasse – Laxenburg – Hornstein – Eisenstadt

Streckenlänge: 60 km      Fahrzeit: 3 h 20 min

Zielsicher ist die viel zu kurze Schönwetterperiode rechtzeitig vor dem Wochenende abgebogen. Der gefasste Entschluss, das frisch aufgeputzte Brompton auszuführen, der steht. Nochmals Dank an den Service-Mann Dominik Mandl (Brompton Vienna Cooperative Fahrrad)!
Der Eiserne Vorhang lockt, auch zu dieser Jahreszeit. Die Zubringer-Etappe der Stadtflucht beginnt zach: Wien im Nieselregen. Die endlos lange Laxenburgerstraße. München-, Ebreichs-, Weigels-, die unlustige Dörfertour. Die Leitha trennt Niederösterreich vom Burgenland, mit der Überquerung der Landesgrenze wird das Verkehrsaufkommen entspannter und die Umgebung anspechender. Nur im Dorfgasthaus zu Wimpassing sorgt das gefaltete Brompton für Aufregung unter der Belegschaft, „dea trogt sei Radl, gö du bist a Weana“!
Die letzten Kilometer Richtung Eisenstadt führen ruhig und verschlungen durch den Wein. Angekommen in Eisenstadt stehen Haydnkirche und Schloss Esterházy Spalier. Freund und Optik-Greißler Jürgen stellt Bett und Erfrischungsgetränke zur Verfügung. Morgen wartet der Neusiedlersee und Ungarn.

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Ein Kranzerl, ein Ketterl, ein Spritzer, …


Montag 13. Jänner

… das klingt wie aus dem Delikatessen-Greißler. Im Rad-Feinkost-Laden der Cooperative Fahrrad (www.fahrrad.co.at) bekommt der Reiseradler wertvolle Tipps vom Profiradler und das Reise-Brompton nach rund 5.000 gefahrenen Kilometern entlang des Eisernen Vorhangs ein notwendiges Pflegepaket: neue Kette, neue Kranzerl, neue Bremsbackerl und ausreichend Spritzer Öl. Der Profiradler Dominik Mandl hat für jede noch so patscherte Frage des Reiseradlers eine kompetente Antwort. Unter Anleitung des Meisters wird das geschundene Faltrad nach allen Regeln der Kunst auffrisiert. Volle zwei Stunden wird gezangelt und geschmiert, alles nach Dienstschluss. Die Heimreise fühlt sich an wie ohne Treten, das Brompton radelt wie von alleine.
Danke Dominik!

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Zusammenfassung: Fasten in einer Genuss-Region


Sonntag 29. Jänner

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Zeitig in der Früh haben wir unsere Hungerburg Richtung Wien verlassen. Obwohl, Mikulov sowie die Region Lednice-Valtice sind ein kleines Stück vom Paradies, zum Wandern, zum Radfahren, zum Weinverkosten, aber Fasten in einer Genuss-Region ist eine harte Nuss. Zurück nach Hause trieb uns die Aussicht auf einen Apfel zu Mittag, Erdäpfel am Abend, die eine oder andere Tschick. Und vielleicht auch ein kleines Bierchen?
Zusammengefasst: 6 Fastentage, zwei Radausflüge, 10 Wanderungen/Spaziergänge und 4,2 am Eisernen Vorhang hängengebliebene Kilo. Weiters der Vorsatz etwas maßvoller mit den „guten Dingen“ des Lebens umzugehen.

Servus, baba, die nächste Etappe entlang des Eisernen Vorhangs führt von Travemünde an der Ostsee zurück nach Wien und startet Mitte Juni.