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Mitteilungsbedürftiger Bettvermieter, ein Platz an der Sonne und die Weihnachtshölle Dresden


Freitag 23. Dezember

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Strecke: Riesa – Meißen – Sächsische Weinstraße – Radebeul – Dresden

Streckenlänge: 52 Radkilometer      Fahrzeit: 3 h 20 min

Der Bettvermieter ist sehr mitteilungsbedürftig – Geld und Fußball, Stahlwerk Riesa, unverschweißte Rohre, … – alles sehr interessant – aber das Bett ruft.
Der letzte Tag beginnt reserviert, der Himmel hat eine dicke Wolkendecke aufgezogen. Verwöhnt von den letzten Tagen fällt das Motivationsbarometer. Nach den ersten krampfigen Kilometern, rechtzeitig mit Beginn der Sächsischen Weinstraße, reißt es auf, Sonnenbegleitung bis zur Endstation. Ab sofort passt auch die Infrastruktur. Weinschenken am Wegesrand laden zum Verweilen ein. Die Strecke ist berechenbar, der Gusto vorhanden, der Gaumen willig! Die „Elbthalschmiede“ direkt am Radweg wartet auf mit einem Platz an der Sonne. Eine Terrasse im Freien, eine Decke, vor mir die Elbe, im Rücken Meißen und die Albrechtsburg, in der Hand ein Glaserl Goldriesling. Fast vollkommenes Glück! Beschwingt radelt es sich nach Meißen. Jetzt geht alles Schlag auf Schlag, Coswig, Radebeul (hier lebte und starb Karl May) und in der Ferne zeichnet sich schon die historische Silhouette von Dresden ab. Zieleinlauf bei Sonnenuntergang. Kurze Freude, doch die größte Hürde kommt erst: Es fehlen noch volle acht Stunden bis zur Bus-Abfahrt. Zusätzlich ist Dresden zur Zeit ein einziger Weihnachtsmarkt, vom Bahnhof weg durch die ganze Altstadt, einzig die Augustusbrücke ist noch glühweinfreie Zone. Aber kaum ist die Elbe überwunden geht der Zauber weiter bis tief in die Neustadt. Dem nicht genug bevölkert eine Heerschaft von Weihnachtsmännern die Szene. Noch immer vier Stunden!

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Same as Yesterday, ein Hit und damals in der DDR …


Donnerstag 22. Dezember

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Strecke: Torgau – Belgern – Strehla – Riesa

Streckenlänge: 51 Radkilometer      Fahrzeit: 3 h 30 min

Aufwärmrunde im „Traudl’s Inn“, erste Hälfte im „Zum alten Fritz“, die zweite im „Hans Wurst“. Alles wunderbar klingende Raucherkneipen. Um zum Wesentlichen zu kommen: Eine Tragödie, im ersten Akt alles vorbei, die Sachsen bekamen in Bayern Drei zu Null eins auf die Dose.
Zum Heute, in Torgau, direkt an der Elbe trohnt das Schloss Hertenfels samt Bärenfreigehege im Schlossgraben, allerdings ohne Bären, die halten bereits ihren Winterschlaf. Außerdem trafen am 25. April 1945 im Elbgebiet um Torgau die sowjetischen und amerikanischen Truppen zusammen und setzten dem Wahnsinn des kleinen Österreichers ein Ende.
Für die Etappe bis Riesa gilt, ausschneiden und kopieren des gestrigen Beitrags. Auf jeden Fall: Der Elbe-Radweg ist ein Hit, verkommt aber jeden Sommer zur Fahrrad-Autobahn mit Staugefahr in beiden Richtungen. Die heutige Endstation, die Stahlstadt-Riesa, gilt als schmuddelige Schwester von Torgau oder Meißen, dafür versprüht es noch eine gesunde Portion DDR-Charme. Hafen, Fabriken, Plattenbausiedlungen. Auch im Stadtbild wirkt alles etwas unaufgeregter. Apropos DDR, egal wo, egal wer mit wem, egal welches Thema, spätenstens nach fünf Minuten kommt der Satz: „Damals zu DDR-Zeiten war …“ Heute wartet die letzte Nacht in einem Bett, die morgige wird im Bus verbracht.

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Bestform, viel Landschaft wenig Menschen und Daumendrücken für den Dosenverein


Mittwoch 21. Dezember

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Strecke: Lutherstadt-Wittenberg – Elster – Pretzsch – Dommitzsch – Torgau

Streckenlänge: 81 Radkilometer     Fahrzeit: 4 h 20 min

Das (Berliner)Kulturprogramm ist aus dem Blut geschwitzt, der Körper läuft wieder zur Bestform auf. 8 Uhr Aufstehen, 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr Abfahrt. Luther in der Buchhandlung, Luther als Schokolade, Luther im Sockenladen, Luther im Haus der Geschenke. Thesen, Luther, Trallalaa! Ich verlasse die Lutherstadt-Wittenberg Richtung Torgau. Alles rundherum ist weiß, die Elbe zu rechter Hand in Spuckentfernung bis Elster. Weiter geht es quer durchs Land. Wasser, Felder, Landstraßen, kleine Dörfer. Auffallend, auf den Landstraßen keine Autos, in den Dörfern keine Menschen. Ein Hahn kräht als einziges Lebenszeichen. Ansonsten ist heute ein Jackpot-Tag: Die Sonne scheint, die Fähre gestattet die Überfahrt. Nur die Verpflegung wird zum Krampf, keine Wirtshäuser und wenn dann geschlossen. Falsche Zeit, falscher Ort. Dafür spielt die Fauna wieder alle Stücke: Wildgänse in Schwärmen, Rehe zum Abwinken, Reiher und anderes Federvieh. In Torgau stoße ich wieder auf Luther in der Light-Version. Torgau, ein Schmuckkästchen der angenehmen Variante. Der obligatorische Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus, dafür stimmt das Rundherum. Im Kulturhaus am Rosa-Luxemburg-Platz ist heute eine X-Mas-Ü30-Party angesagt. Da werde ich fehlen. Heute steht Fußball am Programm. Alles in Aufregung, der Erste spielt gegen den Zweiten. Aufsteiger Leipzig trifft auf den Meister aus Bayern. In diesem Fall werde ich dem Dosen-Verein als einziger Ost-Mannschaft in der Bundesliga die Daumen drücken.

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Weihnachtsmärkte, Kurt Weill und eine Fähre auf Winterpause


Dienstag 20. Dezember

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Strecke: Dessau – Wörlitz – Fähre Richtung Coswig/Anhalt – Wörlitz – Lutherstadt-Wittenberg

Streckenlänge: 52 Radkilometer      Fahrzeit: 4 h

In der Früh war es, meine Liebste würde sagen „zechnkolt“, was übersetzt soviel bedeutet wie ziemlich „huschi“. Der Boden angefroren, die unbebauten Flächen mit Raureif überzogen. Eigentlich wollte ich heute wieder mein Missfallen über all die Weihnachtsmärkte ausbreiten – Abgesagt! – aus Anlass des gestrigen tragischen Vorfalls in Berlin. Nur so viel, fotografisch verstellt der Adventzauber den reizvollen Altstadtblick. Auch der Dessauer Markt verzichtet heute, aus Solidarität mit Berlin auf die Musikbegleitung. Bevor die Elbe-Radweg-Strecke wieder aufgenommen wird noch eine kleine Stadtrundfahrt bei Tageslicht. Der Komponist Kurt Weill wurde hier geboren, das Bauhaus wurde hier nach Entwürfen von Walter Gropius erbaut und der Dichter Wilhelm Müller formte hier die Zeilen „Am Brunnen vor dem Tore …“ welche von Franz Schubert vertont wurden. Durch das Gartenreich Dessau-Wörlitz verläuft ein verwunschener Radpfad Richtung Wittenberg. Die kalten Finger verlassen die Handschuhe zwecks fotografischer Tätigkeiten nur ungern, dafür gehört der Radweg mir ganz alleine. Eine Kurzstrecke sollte es heute werden, doch die Fähre über die Elbe Richtung Coswig macht Winterpause. Alles retour nach Wörlitz. Als Entschädigung kreuzt ein Fuchs meinen Weg. Die Teiche am Wegesrand tragen eine Eisschicht. Einsam führt die Ersatzroute über Felder und Aulandschaften nach Wittenberg. Am Marktplatz vor dem Alten Rathaus steht Martin Luther, wie sollte es anders sein, mitten im Marktgebiet. Solidaritätsbekundungen auch hier, der Oberbürgermeister spricht zu einer Handvoll Besucher_innen. Aus Solidarität schimpfe ich heute nicht und tauche kurz ein ins Adventmarkt Spektakel.

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Hunger in Magdeburg, viel Tier wenig Mensch und Einstellungsschwierigkeiten


Montag 19. Dezember

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Strecke: Magdeburg – Cracau – Randau – Grünewalde – Pretzien – Walternienburg – Steckby – Aken – Dessau

Streckenlänge: 81 Radkilometer     Fahrzeit: 5 h 25 min

Magdeburg auf Berlin, das ist ein Kulturschock. Um 22 Uhr sind die Gehsteige längst hochgeklappt und die Nahrungsaufnahme wird schwierig. Von Kulturprogramm keine Rede. Der erste Eindruck: Kaufpassage folgt auf Kaufpassage. Zu Ost-Zeiten war Magdeburg sozialistisch grau, heute ist es kapitalistisch tot.
Der Eindruck bei Tageslicht versöhnt nur halbherzig. Von der Elbe aus betrachtet wird das Bild ein weiteres Mal zart korrigiert. Die Ränder machen die Retusche. Auch ein Ösi hat hier seinen Fußabdruck hinterlassen, Friedensreich Hundertwasser. Ein Meister kopiert sich. Nach einer kleinen Stadtrundfahrt wird die Elbe-Radweg-Fährte aufgenommen. Kurz nach Magdeburg verliert sich die Spur und endet im Gatsch. Aus, Stopp, Retour. Bei Randau wird die Fährte wieder aufgenommen. Auen, Felder, Wälder, Wildenten, Rehe, Greifvögel. Wenig Menschen. Keine (geöffneten) Gastwirtschaften. Falsche Zeit! Der Umstieg vom Kulturprogramm-Modus auf den Radsportprogramm-Modus fällt schwerer als befürchtet. Auch das Sportgerät leidet unter Abstimmungsproblemen. Irgendwann geht das Tageslicht aus und die letzten fünfzehn Kilometer, ab Aken werden mit Kunstlicht bestritten. Das Finale wird zum K(r)ampf. Ende gut, Alles gut. Eine „Haxe“ im Brauhaus versöhnt. Morgen folgt die Sparvariante Richtung Wittenberg.

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Baba Berlin, Servus Magdeburg und Je-Je-Je


Sonntag 18. Dezember

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Strecke: Berlin – Magdeburg (Zug)

Berlin, Tschüss, Baba! Es heißt Abschied nehmen. Nach einer langen Nacht, ein letztes Frühstück mit den Freunden. Auch von der Liebsten trennt sich der Weg. Sie muss zurück nach Wien, ich nach Magdeburg. Ein letztes Mal die Greifswalder Straße hinunter, ein letztes Mal grüßt Ernst Thälmann. Auf leichten Rädern die Bernauer Straße hinunter, immer der Mauer entlang bis zum ehemaligen Lehrter Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof. Auf Grund eines „Personenunfalls“, ein neuer Abfahrtsort: Berlin Ostbahnhof. Unerwartet geht es noch einmal durch die Stadt. Berlin im Kunstlicht. Noch einmal das Brandenburger Tor, Unter den Linden, Alex, Fernsehturm. Aber jetzt, Baba Berlin, bis bald. Servus Magdeburg. Und gute Nacht. Ab heute gibt es verkürztes Kulturprogramm, denn ab morgen beginnt die Heimreise. Mit dem Brompton immer der Elbe entlang.
Noch ein kurzer Nachtrag zu gestern. Nieselregen-Ausflug nach Berlin Weißensee. Pop-Historisch ein bedeutender Ort in der ehemaligen DDR. Jugendkultur und Sozialismus waren in der gesamten DDR-Ära ein problematischer Diskurs: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen“, polterte Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, 1965 auf einem Plenum des ZK der SED. Selbiger Ulbricht der noch vier Jahre zuvor felsenfest behauptete, „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“. In Berlin West gastierten derweilen die Großen Nummern des Pop-Business wie Barcley James Harvest, David Bowie oder Pink Floyd. Es gab Randale in Ost-Berlin. Die Ost-Jugend war populärmusikalisch völlig ausgehungert und besessen vom West-Sound. Unter Erich Honecker gab es erste sanfte Zugeständnisse um Druck aus dem Kochtopf zu lassen. Auf der Radrennbahn Weißensee gab es erstmals Großkonzerte mit Künstlern aus dem kapitalistischen Ausland wie Joe Cocker, James Brown oder Bruce Springsteen. „Born in the U.S.A.“ in der GDR (German Democratic Republic)! Heute werden am Eingang zur ehemaligen Kultstätte Weihnachtsbäume verkauft, die Gitterstäbe der Tore rosten vor sich hin, nichts erinnert mehr an die seinerzeitigen „Glory Days“.

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Michael Cramer, Vater vom Berliner Mauer-Radweg und Westfälischer Dickschädel


 

Samstag 17. Dezember

Alte Potsdamer Straße unweit der neuen Hauptschlagader Berlins, dem Potsdamer Platz. Eine italienische Trattoria im traditionellen Weinhaus Huth inmitten von Stahl- und Glasriesen. Michael Cramer (http://www.michael-cramer.eu/aktuelles/) Vater des „Berliner Mauer-Radweg“ sowie des „Europa-Radweg Eiserner Vorhang“ nimmt sich viel Zeit um über seine Herzensthemen zu sprechen. Bis zur heutigen 160 Kilometer langen und mit 900 Infotafeln ausgeschilderten Mauerweg-Radstrecke rund um Westberlin war es ein weiter Weg. Beharrlich hielt der Grün-Politiker an seiner Vision fest. „Ich bin ein Westfälischer Dickschädel“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Idee kam Cramer schon kurz nach dem Fall der Mauer: „Die Mauer muss weg, war damals die Parole und das war sehr kurzsichtig gedacht, als könnte man Geschichte ausradieren. Heute sind alle froh über die wenigen Reste die noch existieren. Die meistgestellte Frage heute in Berlin: ‚Wo stand eigentlich die Mauer'“? Sein, im österreichischen Ersterbauer-Verlag erschienener „Berliner Mauer-Radweg“-Führer ging inzwischen 50.000 Mal über die Ladentische. „Wir wollten nicht die Mauer erhalten, aber die Geschichte. Es lässt sich Geschichte, Politik, Natur, Kultur, im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren.“ Ein weiteres Herzprojekt ist der 20 Länder verbindende „Europa-Radweg Eiserner Vorhang“ (http://www.eurovelo.com/de/eurovelos/eurovelo-13?set_language=de). Doch am Anfang dieser 10.000 Kilometer langen länderübergreifenden Langstrecke stand der Deutsch-Deutsche Radweg. Neben Herz und Hirn beweist Cramer eine große Portion Witz: „Buchstabieren Sie einmal Deutsch-Deutscher Radweg!“
Im Schlusssatz bingt der charismatische Rad-Aktivist alles auf einen Punkt: „Es waren die Menschen die die Welt verändert haben. Die Mauer in Berlin wäre nicht gefallen ohne Solidarność, ohne die Singende Revolution in den Baltischen Staaten, ohne Charta 77, ohne die Demokratiebewegung in der DDR, die Menschen haben die Welt verändert, die Politik in Ost und West hat darauf nur reagiert, reagieren müssen. Das dürfen wir nie vergessen!“

Nachtrag:

Niemals vergessen, die Maueropfer
Litfin, Gueffroy, Bramböck

28 Jahre stand die Berliner Mauer, vom 13. August 1961 bis 9. November 1989. In dieser Zeit starben 128 Menschen bei Fluchtversuchen. Der erste Mauertote war Günter Litfin, er wurde am 24. August 1961 als er durch den Humboldthafen an das westliche Ufer schwimmen wollte erschossen. Das letzte Maueropfer war Chris Gueffroy, er starb am 6. Februar 1989 im Kugelhagel beim Versuch durch einen Verbindungskanal von Treptow nach Neuköln zu schwimmen. Aber auch nach ihrem Fall blieb die Mauer tödlich. Der erst 14jährige Christoph-Manuel Bramböck betätigte sich wie viele andere als „Mauerspecht“ um Erinnerungsstücke herauszuschlagen und wurde dabei am 31. August 1990 von einer herabfallenden Mauerplatte erschlagen.

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Schrippe versus Semmel, Wiener- trifft Berliner Küche


Freitag 16. Dezember

Heute keine Curry-Wurst, heute ist Kochtag, ein Wiener Klassiker soll Berlin erobern. Das Wiener Gulasch. Klingt auf Anhieb vielleicht nicht wirklich knackig, aber ein richtig gutes (nicht gestrecktes) Wiener Saftgulasch ist auch in Wiener Wirtshäusern inzwischen schon eine Seltenheit.
Am wichtigsten sind das richtige Fleisch und viel Zeit. Und wie erklärt man „Wodschunken“ einem Berliner Metzger? Die Zwiebel (gleiche Menge wie Fleisch) sehr fein, würfelig schneiden. Die Augen tränen. Beim „Kochachterl“ werden die Wien-Berliner Koch- und Essgewohnheiten verglichen. Sprachlich gibt es da schon mal einige Missverständnisse: Schrippe – Semmel, Boulette – Fleischlaberl, Broiler – Grillhendl, Bockwurst – Knacker, Eierkuchen – Palatschinken, Klöße – Knödel, Wiener-Würstchen – Frankfurter, …
Während das Gulasch köchelt steht noch ein Treffen mit dem Vater des Berliner Mauerradweges, sowie des Eisernen Vorhang Radweges, Michael Cramer am Programm. Davon morgen mehr. Am Weg dorthin gibt es eine Wettfahrt: BVG (Berliner-Verkehrsbetriebe) gegen Brompton (Faltrad). Die Strecke Prenzlauer Allee bis Potsdamer Platz. Nur kurz: die Bestzeit geht an das Brompton samt Fahrer, die BVG-Fahrerin trifft 15 Minuten später ein.
Inzwischen ist das Gulasch tellerfertig. Die Mägen knurren. Stößchen und Mahlzeit!

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Rendevouz an der Weltzeituhr, kaputte Mitte und Tram, Tram, …


Donnerstag 15. Dezember

In der Kulturbrauerei herrschte Hochbetrieb, in den Höfen der Backsteinburg tobt gerade ein Weihnachtsmarkt. In der Kultur- und Schankwirtschaft Baiz (http://www.baiz.info), zwei Ecken weiter in der Schönhauser Allee, ist ebenfalls die Hölle los, die antikapitalistische. Die linke Szene-Kneipe besticht allein schon durch ihren Schlachtruf: „Kein Bex, kein Latte, kein Bullshit und dann auch noch Selbstbedienung!“ Zwischen den Extremen liegt der gemütliche Künstlertreff Watt in der Metzer Straße.
Heute ist Feiertag aus zweierlei Gründen, der Mauerradweg ist abgestrampelt und es kommt die Liebste zu Besuch. Treffpunkt: 13:00 Weltzeituhr. Romantisch.
Weiters ein kurzer Berlin-Eindrücke-Mix: Am Alexanderplatz warnt die Polizei über Lautsprecher vor Trickbetrügern. Das uralte Hütchenspiel funktioniert bei Tourist_innen noch immer. Unglaublich. Berlin-Mitte ist inzwischen zu Tode renoviert. Die Berliner-Verkehrsbetriebe werben mit dem besten Öffi-Spruch: „Weine nicht wenn der Regen fällt … Tram, Tram … Tram,Tram!“ Drafi-Deutscher-Mix. Jetzt ist auch der letzte Stein des Palstes der Republik abgetragen und das neue Schloss-Berlin ist schon weit fortgeschritten. Die Geschichte wird von den Siegern repariert. Im Ernst Thälmann Park gleich neben der stark befahrenen Greifswalder Straße liegt ein Mini-Naturschutzgebiet samt Reiher eingebettet zwischen Plattenbauten. … Ich muss zu Ende kommen, der restliche Abend gehört den Freunden und der Liebsten.

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Rodeln an der Mauer, ein Wachturm trägt Mütze, Geschichte wird Geschäft


Mittwoch 14. Dezember

Strecke: Mandelstraße – Bernauer Straße – Nordbahnhof – Brandenburger Tor – Potsdamer Platz – Checkpoint Charlie – Schillingbrücke – quer durch die Stadt zurück in die Mandelstraße

Streckenlänge: 20 Kilometer      Gehzeit: ca. 7 h

Die „Rumbalotte“, vorübergehend in alten Brauereigemäuern eingemietet, war programmfrei und somit leider geschlossen. Dafür gab’s in der empfehlenswerten „Bornholmer Hütte“, einer Traditionskneipe mit über 100jähriger Vergangenheit, ein richtiges Berliner-Menü: Bockwurst, Boulette, Kartoffelsalat.
Heute bleibt das Brompton zusammengefaltet. Der Verlauf der Mauer durch die Stadt will erwandert werden. Der Mauerpark (Start) grenzt an die Bernauer Straße, die 28 Jahre lang von der gleichlaufenden Eberswalder Straße getrennt war. Hier ermöglichte ein Podest auf westlicher Seite Tourist_innen und Berliner_innen einen Blick über die Mauer in den Osten. Wie im Zoo. Zahlreiche Hinweistafeln, großflächige Fotos und Hörbilder erzählen von geglückten Fluchten, Todesfällen, und schmerzhaften Trennungen. In den Brachlücken werden Nordland-Tannen verkauft. An der Gedenkstätte Bernauer Straße steht noch ein 200 Meter langes Stück originaler Mauer. Es folgen Reichstag, Brandenburger Tor und der Potsdamer Platz. Mit jedem Schritt werden die Szenen skuriller. Eine Winterrodelbahn samt angeschlossenen Punschständen sorgen für Hüttengaudi gleich neben dem Mauerstreifen. In der Erna-Berger-Straße unweit des Potsdamer Platzes trägt ein ehemaliger Grenz-Wachturm eine Weihnachtsmann-Mütze XXL. Curry On The Wall verkauft Würste und am Checkpoint Charlie gibt es Russenmützen im Sonderangebot. Die Mauer wird zum Rummelplatz. Schnell weiter. Verwinkelt schlängelt sich die Mauerführung durch Kreuzberg. Wer sich nicht sicher ist, wo jetzt der ehemalige Osten liegt, orientiert sich am besten an den Neubauten, da war einmal Osten. Kreuzberg ist eine einzige, große Baustelle. Nach Überquerung der Schillingbrücke schließt sich der Kreis. Die 160 Mauerkilometer sind komplett. Nach den vierzehn heute abgegangenen Kilometern brennen die Sohlen. „Habe fertig!“ (© Giovanni Trapattoni), auf in die Kulturbrauerei.