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Startschwierigkeiten, Vogelwelten und ein DDR-Stammtisch


3. Tag: Samstag, 14. Dezember

Strecke: Świnoujście (PL) – Seebad Ahlbeck (D) – Usedom – Karnin – Anklam – Bugewitz – Heidemühl

Streckenlänge: 78 km

Verdammt! Der erste Radreisetag beginnt unrund. Draußen fällt der Regen, drinnen fällt die Tür ins Schloss, die Schlüsselkarte verweilt noch im Zimmer. Die Reiseroutine ist noch nicht angesprungen. Vom polnischen ins deutsche Wunderland, das Seebad Ahlbeck hat seine unvermeidliche Seebrücke und Residenzen mit «klingenden» Namen wie «Germania» oder «Adler». Weg von den Seebädern, rein ins Land. Abseits vom Seebäderparadies lebt der Alltag, viel Landwirtschaft, viel Rindvieh, viel Holz, viel Wasser, viel Schilf. In den Dörfern lebt die Tristesse, bröckelnde Substanz und geschlossene Wirtshäuser. Offiziell existiert die DDR nur noch in den Geschichtsbüchern, unterwegs blitzt sie immer wieder auf, der Kapitalismus hat sich genommen, was er gebraucht hat, der Rest vergammelt.
Eine Brücke führt über den Peenestrom zurück auf das vorpommersche Festland. Der Peenestrom geht über in das Stettiner Haff, wildromantische Wasser- und Sumpflandschaften. Das Peenethal der «Amazonas des Nordens» ist eines der letzten Urstomtäler Mitteleuropas. Nach Anklam ist Schluss mit asphaltierten Radwegen, DDR-Plattenpisten rütteln aus den Gedanken, später führt ein wassertriefender Schotterstreifen durch Schilfgebiete. Die Radgeräusche schrecken Wasservögel aus ihrer Deckung. Federvieh rundherum so weit das Auge reicht, lange Hälse, kurze Hälse, in allen Farbschattierungen und an den Bäumen nagen die Bieber. Bei Bugewitz geht dem Tag das Licht aus und noch immer kein Bett in Sicht. Ein Insidertipp führt mich ins einzige Wirtshaus im Umkreis, das wunderbare «Waldrestaurant Heidemühl». Hier wird gerade eine Diamanthochzeit gefeiert und an der Theke findet sich ein DDR-Stammtisch zusammen. Es wird in realsozialistischen Zeiten geschwelgt – «wir haben aus Kuhscheiße Bonbons gemacht» – und unterm Strich sind sich alle einig: «Nicht alles was der Westen gebracht hat ist der Weisheit letzter Schluss!»