Schneefahrbahnen, Grenzblicke und das südmährische Meer


Mittwoch 25. Jänner

Tag drei, der Magen ist leer, der Hunger ist weg, nur der Gusto geistert durch die Gedanken. Es ist an der Zeit das Brompton zu entfalten um die Genusssucht im Kopf zu vertreiben. Am Grenzübergang Valtice – Schrattenberg, 14 Kilometer südöstlich von Mikulov, beherbergt das ehemalige tschechische Grenzgebäude ein „Museum des Eisernen Vorhangs“. Im Jänner natürlich geschlossen. Dafür gibt die Freiluftausstellung „Achtung.Staatsgrenze – Pozor.státní hranice“ des Fotografen Alex Halada, Einblicke in Perspektiven von Anwohner_innen beiderseits der Grenze, persönliche Blicke auf das was war und das was ist. Die Strecke dorthin verläuft teilweise auf noch stark verschneiten Nebenstraßen. Das Brompton macht auch in dieser Ausnahmesituation eine gute Figur, einzig der Fahrer ist mit dem ungewohnten Bodenbelag überfordert. Mittags wartet heute die Rote Rübe und als Nachmittagsprogramm lädt Dolní Věstonice am Fuße der Pollauer Berge auf einen Strandspaziergang entlang des „südmährischen Meeres“ (Aufstauung der Thaya) ein. Der Abend hat sein starres Programm: Wenn draußen das Kunstlicht angeht wird drinnen auf Ruhemodus umgeschaltet.

Kneippen, Spazieren und Spiele statt Brot


Dienstag 24. Jänner

Mit den nackerten Füßen im Schnee beginnt der zweite Fasttag. Es dauert keine Minute bis es sticht, bis in den Kopf. Kneippen nennt sich diese Tortur. Sobald das Stechen nachlässt wird es wohlig warm. Für den Vormittag steht ein Stadtrundgang auf dem Programm. Das südmährische Mikulov liegt einen Katzensprung nördlich von Drasenhofen, gleich hinter der Grenze und präsentiert sich als Schmuckkästchen: Ein Schloss in der Mitte, daneben der Heilige Berg samt Kapelle, dazwischen altertümliche Gassen und an jeder Ecke lauert eine Verlockung: Kavárna, Hospoda, Vinotéka, … Apropos Wein, Mikulov ist neben Valtice eines der Weinbauzentren umzingelt von Riesling-Trauben. Themenwechsel, mittags steht heute ein „Vierterl“ von der Karotte auf der Karte. Nach der verordneten Mittagsruhe wartet der Heilige Berg und auf seinem Gipfel die Wallfahrtskirche des heiligen Sebastian. Keine Angst, fasten macht nicht gläubig, trotzdem der Ausblick ist – auch Grau in Grau – ein Traum. Statt in eine Gaststube führt der Weg zurück ins Appartment, intern „Hungerburg“. Spiele und Bücher ersetzen abendliches Kulturprogramm.

Fasten am Eisernen Vorhang …


Karte

Montag 23. Jänner

… das kingt, zugegeben, etwas vertrottelt, aber: erstens, ist der Jänner sowieso ein unerotischer Monat, da ist auch nix verhaut wenn man gleich auf alle einem wichtigen Lustbarkeiten wie Bier, Wein, Zigaretten, Schweinsbraten, Knödel, … verzichtet. Nulldiät. Außer Tee in ekelhaften Mengen, ein viertel Liter Gemüsesaft zu Mittag und einen Teller leere Gemüsesuppe am Abend. Und zweitens, bringt so eine einwöchige Kur Frischluft in die verkopfte Winterdepression, lässt einem Flügel wachsen (ohne Dose) und bedient sich großzügig der angesammelten Fettreserven. Win-Win. Und warum am Eisernen Vorhang? Darum! Weil: das gerade Thema ist, das verträumte tschechische Städtchen Mikulov in einer knappen Stunde von Wien aus zu erreichen ist, die Region Mikulov-Valtice-Lednice zwei UNESCO Weltkultur und Naturerbe-Gebiete beherbergt und weil die Gegend zum Wandern, Spazierengehen und Radfahren einfach ein Traum ist. Apropos Radfahren, das Brompton spielt bei dieser „Extratour“ ausnahmsweise nur eine Nebenrolle. Eine Hauptrolle spielt die Liebste die mit mir auf alle Genussmittel verzichtet. Aber Schluss jetzt, die Fastensuppe wartet

Wieder in Wien, Jour Fixe am Rochusmarkt und Zusammenfassung


Samstag 24. Dezember

Strecke: Dresden – Wien Erdberg (Bus) – Rochusmarkt

Irgendjemand verzögert die Zeit, es wird und wird nicht Mitternacht. Noch einmal durch Dresden, von der Neustadt über die Augustusbrücke durch die Altstadt bis zum Bahnhof. Der Weihnachtsmarkt-Zauber schläft schon, nur die besoffenen Weihnachtmänner sind noch unterwegs. Der Bus ist pünktlich und bummvoll. Geschlafen wird wenig. Das Brompton fährt im Kofferraum mit. Es ist an der Zeit ein Loblied anzustimmen: Mit allen Verkehrsmitteln transportierbar, ob Flugzeug, Bahn oder Bus. Ohne Aufpreis! Und während sich so manche(r) um 6.30 Uhr im dunklen Erdberg (Zielbusbahnhof) fürchtet, sitzt der Bromptonista – klipp-klapp – schon am Rochusmarkt bei einer Melange. Später kommt die Liebste, noch etwas später die Marktbande. Come together am Rochusmarkt, jetzt ein Glaserl aufs Christkind. Schön wieder da zu sein.

Zusammenfassung:
15 Reisetage. 1 Flug (Wien – Berlin). 6 verschiedene Bettenstationen. 8 Mal die Elbe gequert. 1 Busfahrt (Dresden – Wien). Radkilometer: Berliner Mauer-Radweg: 160 km. Elbe-Radweg: 280 km. Extratouren: 79 km. Gesamt: 519 km

ps: Die nächste „Vorhang-Auf“-Extratour startet Ende Jänner unter dem Vorsatz: „Fasten am Eisernen-Vorhang“

Mitteilungsbedürftiger Bettvermieter, ein Platz an der Sonne und die Weihnachtshölle Dresden


Freitag 23. Dezember

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Strecke: Riesa – Meißen – Sächsische Weinstraße – Radebeul – Dresden

Streckenlänge: 52 Radkilometer      Fahrzeit: 3 h 20 min

Der Bettvermieter ist sehr mitteilungsbedürftig – Geld und Fußball, Stahlwerk Riesa, unverschweißte Rohre, … – alles sehr interessant – aber das Bett ruft.
Der letzte Tag beginnt reserviert, der Himmel hat eine dicke Wolkendecke aufgezogen. Verwöhnt von den letzten Tagen fällt das Motivationsbarometer. Nach den ersten krampfigen Kilometern, rechtzeitig mit Beginn der Sächsischen Weinstraße, reißt es auf, Sonnenbegleitung bis zur Endstation. Ab sofort passt auch die Infrastruktur. Weinschenken am Wegesrand laden zum Verweilen ein. Die Strecke ist berechenbar, der Gusto vorhanden, der Gaumen willig! Die „Elbthalschmiede“ direkt am Radweg wartet auf mit einem Platz an der Sonne. Eine Terrasse im Freien, eine Decke, vor mir die Elbe, im Rücken Meißen und die Albrechtsburg, in der Hand ein Glaserl Goldriesling. Fast vollkommenes Glück! Beschwingt radelt es sich nach Meißen. Jetzt geht alles Schlag auf Schlag, Coswig, Radebeul (hier lebte und starb Karl May) und in der Ferne zeichnet sich schon die historische Silhouette von Dresden ab. Zieleinlauf bei Sonnenuntergang. Kurze Freude, doch die größte Hürde kommt erst: Es fehlen noch volle acht Stunden bis zur Bus-Abfahrt. Zusätzlich ist Dresden zur Zeit ein einziger Weihnachtsmarkt, vom Bahnhof weg durch die ganze Altstadt, einzig die Augustusbrücke ist noch glühweinfreie Zone. Aber kaum ist die Elbe überwunden geht der Zauber weiter bis tief in die Neustadt. Dem nicht genug bevölkert eine Heerschaft von Weihnachtsmännern die Szene. Noch immer vier Stunden!

Same as Yesterday, ein Hit und damals in der DDR …


Donnerstag 22. Dezember

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Strecke: Torgau – Belgern – Strehla – Riesa

Streckenlänge: 51 Radkilometer      Fahrzeit: 3 h 30 min

Aufwärmrunde im „Traudl’s Inn“, erste Hälfte im „Zum alten Fritz“, die zweite im „Hans Wurst“. Alles wunderbar klingende Raucherkneipen. Um zum Wesentlichen zu kommen: Eine Tragödie, im ersten Akt alles vorbei, die Sachsen bekamen in Bayern Drei zu Null eins auf die Dose.
Zum Heute, in Torgau, direkt an der Elbe trohnt das Schloss Hertenfels samt Bärenfreigehege im Schlossgraben, allerdings ohne Bären, die halten bereits ihren Winterschlaf. Außerdem trafen am 25. April 1945 im Elbgebiet um Torgau die sowjetischen und amerikanischen Truppen zusammen und setzten dem Wahnsinn des kleinen Österreichers ein Ende.
Für die Etappe bis Riesa gilt, ausschneiden und kopieren des gestrigen Beitrags. Auf jeden Fall: Der Elbe-Radweg ist ein Hit, verkommt aber jeden Sommer zur Fahrrad-Autobahn mit Staugefahr in beiden Richtungen. Die heutige Endstation, die Stahlstadt-Riesa, gilt als schmuddelige Schwester von Torgau oder Meißen, dafür versprüht es noch eine gesunde Portion DDR-Charme. Hafen, Fabriken, Plattenbausiedlungen. Auch im Stadtbild wirkt alles etwas unaufgeregter. Apropos DDR, egal wo, egal wer mit wem, egal welches Thema, spätenstens nach fünf Minuten kommt der Satz: „Damals zu DDR-Zeiten war …“ Heute wartet die letzte Nacht in einem Bett, die morgige wird im Bus verbracht.

Bestform, viel Landschaft wenig Menschen und Daumendrücken für den Dosenverein


Mittwoch 21. Dezember

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Strecke: Lutherstadt-Wittenberg – Elster – Pretzsch – Dommitzsch – Torgau

Streckenlänge: 81 Radkilometer     Fahrzeit: 4 h 20 min

Das (Berliner)Kulturprogramm ist aus dem Blut geschwitzt, der Körper läuft wieder zur Bestform auf. 8 Uhr Aufstehen, 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr Abfahrt. Luther in der Buchhandlung, Luther als Schokolade, Luther im Sockenladen, Luther im Haus der Geschenke. Thesen, Luther, Trallalaa! Ich verlasse die Lutherstadt-Wittenberg Richtung Torgau. Alles rundherum ist weiß, die Elbe zu rechter Hand in Spuckentfernung bis Elster. Weiter geht es quer durchs Land. Wasser, Felder, Landstraßen, kleine Dörfer. Auffallend, auf den Landstraßen keine Autos, in den Dörfern keine Menschen. Ein Hahn kräht als einziges Lebenszeichen. Ansonsten ist heute ein Jackpot-Tag: Die Sonne scheint, die Fähre gestattet die Überfahrt. Nur die Verpflegung wird zum Krampf, keine Wirtshäuser und wenn dann geschlossen. Falsche Zeit, falscher Ort. Dafür spielt die Fauna wieder alle Stücke: Wildgänse in Schwärmen, Rehe zum Abwinken, Reiher und anderes Federvieh. In Torgau stoße ich wieder auf Luther in der Light-Version. Torgau, ein Schmuckkästchen der angenehmen Variante. Der obligatorische Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus, dafür stimmt das Rundherum. Im Kulturhaus am Rosa-Luxemburg-Platz ist heute eine X-Mas-Ü30-Party angesagt. Da werde ich fehlen. Heute steht Fußball am Programm. Alles in Aufregung, der Erste spielt gegen den Zweiten. Aufsteiger Leipzig trifft auf den Meister aus Bayern. In diesem Fall werde ich dem Dosen-Verein als einziger Ost-Mannschaft in der Bundesliga die Daumen drücken.

Weihnachtsmärkte, Kurt Weill und eine Fähre auf Winterpause


Dienstag 20. Dezember

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Strecke: Dessau – Wörlitz – Fähre Richtung Coswig/Anhalt – Wörlitz – Lutherstadt-Wittenberg

Streckenlänge: 52 Radkilometer      Fahrzeit: 4 h

In der Früh war es, meine Liebste würde sagen „zechnkolt“, was übersetzt soviel bedeutet wie ziemlich „huschi“. Der Boden angefroren, die unbebauten Flächen mit Raureif überzogen. Eigentlich wollte ich heute wieder mein Missfallen über all die Weihnachtsmärkte ausbreiten – Abgesagt! – aus Anlass des gestrigen tragischen Vorfalls in Berlin. Nur so viel, fotografisch verstellt der Adventzauber den reizvollen Altstadtblick. Auch der Dessauer Markt verzichtet heute, aus Solidarität mit Berlin auf die Musikbegleitung. Bevor die Elbe-Radweg-Strecke wieder aufgenommen wird noch eine kleine Stadtrundfahrt bei Tageslicht. Der Komponist Kurt Weill wurde hier geboren, das Bauhaus wurde hier nach Entwürfen von Walter Gropius erbaut und der Dichter Wilhelm Müller formte hier die Zeilen „Am Brunnen vor dem Tore …“ welche von Franz Schubert vertont wurden. Durch das Gartenreich Dessau-Wörlitz verläuft ein verwunschener Radpfad Richtung Wittenberg. Die kalten Finger verlassen die Handschuhe zwecks fotografischer Tätigkeiten nur ungern, dafür gehört der Radweg mir ganz alleine. Eine Kurzstrecke sollte es heute werden, doch die Fähre über die Elbe Richtung Coswig macht Winterpause. Alles retour nach Wörlitz. Als Entschädigung kreuzt ein Fuchs meinen Weg. Die Teiche am Wegesrand tragen eine Eisschicht. Einsam führt die Ersatzroute über Felder und Aulandschaften nach Wittenberg. Am Marktplatz vor dem Alten Rathaus steht Martin Luther, wie sollte es anders sein, mitten im Marktgebiet. Solidaritätsbekundungen auch hier, der Oberbürgermeister spricht zu einer Handvoll Besucher_innen. Aus Solidarität schimpfe ich heute nicht und tauche kurz ein ins Adventmarkt Spektakel.

Hunger in Magdeburg, viel Tier wenig Mensch und Einstellungsschwierigkeiten


Montag 19. Dezember

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Strecke: Magdeburg – Cracau – Randau – Grünewalde – Pretzien – Walternienburg – Steckby – Aken – Dessau

Streckenlänge: 81 Radkilometer     Fahrzeit: 5 h 25 min

Magdeburg auf Berlin, das ist ein Kulturschock. Um 22 Uhr sind die Gehsteige längst hochgeklappt und die Nahrungsaufnahme wird schwierig. Von Kulturprogramm keine Rede. Der erste Eindruck: Kaufpassage folgt auf Kaufpassage. Zu Ost-Zeiten war Magdeburg sozialistisch grau, heute ist es kapitalistisch tot.
Der Eindruck bei Tageslicht versöhnt nur halbherzig. Von der Elbe aus betrachtet wird das Bild ein weiteres Mal zart korrigiert. Die Ränder machen die Retusche. Auch ein Ösi hat hier seinen Fußabdruck hinterlassen, Friedensreich Hundertwasser. Ein Meister kopiert sich. Nach einer kleinen Stadtrundfahrt wird die Elbe-Radweg-Fährte aufgenommen. Kurz nach Magdeburg verliert sich die Spur und endet im Gatsch. Aus, Stopp, Retour. Bei Randau wird die Fährte wieder aufgenommen. Auen, Felder, Wälder, Wildenten, Rehe, Greifvögel. Wenig Menschen. Keine (geöffneten) Gastwirtschaften. Falsche Zeit! Der Umstieg vom Kulturprogramm-Modus auf den Radsportprogramm-Modus fällt schwerer als befürchtet. Auch das Sportgerät leidet unter Abstimmungsproblemen. Irgendwann geht das Tageslicht aus und die letzten fünfzehn Kilometer, ab Aken werden mit Kunstlicht bestritten. Das Finale wird zum K(r)ampf. Ende gut, Alles gut. Eine „Haxe“ im Brauhaus versöhnt. Morgen folgt die Sparvariante Richtung Wittenberg.

Baba Berlin, Servus Magdeburg und Je-Je-Je


Sonntag 18. Dezember

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Strecke: Berlin – Magdeburg (Zug)

Berlin, Tschüss, Baba! Es heißt Abschied nehmen. Nach einer langen Nacht, ein letztes Frühstück mit den Freunden. Auch von der Liebsten trennt sich der Weg. Sie muss zurück nach Wien, ich nach Magdeburg. Ein letztes Mal die Greifswalder Straße hinunter, ein letztes Mal grüßt Ernst Thälmann. Auf leichten Rädern die Bernauer Straße hinunter, immer der Mauer entlang bis zum ehemaligen Lehrter Bahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof. Auf Grund eines „Personenunfalls“, ein neuer Abfahrtsort: Berlin Ostbahnhof. Unerwartet geht es noch einmal durch die Stadt. Berlin im Kunstlicht. Noch einmal das Brandenburger Tor, Unter den Linden, Alex, Fernsehturm. Aber jetzt, Baba Berlin, bis bald. Servus Magdeburg. Und gute Nacht. Ab heute gibt es verkürztes Kulturprogramm, denn ab morgen beginnt die Heimreise. Mit dem Brompton immer der Elbe entlang.
Noch ein kurzer Nachtrag zu gestern. Nieselregen-Ausflug nach Berlin Weißensee. Pop-Historisch ein bedeutender Ort in der ehemaligen DDR. Jugendkultur und Sozialismus waren in der gesamten DDR-Ära ein problematischer Diskurs: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen“, polterte Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, 1965 auf einem Plenum des ZK der SED. Selbiger Ulbricht der noch vier Jahre zuvor felsenfest behauptete, „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“. In Berlin West gastierten derweilen die Großen Nummern des Pop-Business wie Barcley James Harvest, David Bowie oder Pink Floyd. Es gab Randale in Ost-Berlin. Die Ost-Jugend war populärmusikalisch völlig ausgehungert und besessen vom West-Sound. Unter Erich Honecker gab es erste sanfte Zugeständnisse um Druck aus dem Kochtopf zu lassen. Auf der Radrennbahn Weißensee gab es erstmals Großkonzerte mit Künstlern aus dem kapitalistischen Ausland wie Joe Cocker, James Brown oder Bruce Springsteen. „Born in the U.S.A.“ in der GDR (German Democratic Republic)! Heute werden am Eingang zur ehemaligen Kultstätte Weihnachtsbäume verkauft, die Gitterstäbe der Tore rosten vor sich hin, nichts erinnert mehr an die seinerzeitigen „Glory Days“.