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Nix Tabak, Nix Promille, nur Planen ist nix verboten


Das neue Jahr ist noch jung und die Neujahrsvorsätze – kein Rauch, kein Schluck, kein Koffein, keine Leberkässemmel – halten noch. Nur eines, ohne die schönen Genussmittel sinkt der Wohlfühlfaktor unter Null. Ein Monat soll das Martyrium dauern um «das Böse» aus Körper und Geist zu vertreiben und wieder Maximum-Kapazitäten zu erreichen. Was aufrecht hält ist der Rock’n’Roll, der ist erlaubt und das Planen der nächsten Reisen halten Kopf und Geist bei Laune.

Es schaut nämlich so aus, als quasi Vorbereitung für die letzte «Vorhang auf»-Etappe darf ich meine Tante/Onkel mit dem Postschiff ans Nordkap begleiten, darüber hinaus sind weitere Trainingseinheiten in Planung: Ein Freundschaftsbesuch bei meinem Freund und Prediger des «Linken Wortes» Max nach Portugallien und eine Familienwoche in Wales. Mitte Juni wird dann endlich das Brompton Faltrad zum große Finale der «Vorhang Auf»-Tour gesattelt: Von der Barentssee (NOR) durch Finnland bis nach St. Petersburg (RUS). Die Aussichten sind rosig, der aktuelle Status bescheiden, aber da ist Licht am Ende des Tunnels.
Euch ein schönes Neues, ohne Verzicht!

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Vorwärts Berlin, Wiedersehen mit Freund Ernst und ein erstes Erfrischungsgetränk in der Lieblingskneipe


5. Tag: Freitag, 15. Dezember

Strecke: Neustadt/Harz – Berlin

Letzte Nacht hat es nicht geregnet, es hat geschneit. Aber inzwischen macht sich Routine breit, es war eine wunderbar kuschelige Zelt-Nacht.
Harz baba, auf nach Berlin! Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn im entspannten Einheits-km/h-Bereich macht irgendwie traurig, schön traurig. Hirsch Fisch haben den perfekten Soundtrack dazu: «I geh obi an di Donau, bind ma an Stan uman Hols, hupf ins koite Wossa, im Winta is koit!» Irgendwann ist es mit dem melancholischen Dahingleiten vorbei. Der viele Verkehr, die endlosen Baustellen und 100 Kilometer vorm Ziel ist ganz Schluss mit Lustig! Ein Unfall direkt vor meiner Schnauze. Zum Glück nur kaputtes Blech. Rund um Berlin wird eifrig gebaut, im Schritttempo nähert sich die Stadtgrenze. Geschafft, die Einfahrt ist wie nach Hause kommen, Köpenik, Treptow, Friedrichshain, Prenzlauer Berg. Auf der Greifswalder Straße grüßt Freund Ernst (Thälmann) den sozialistischen Gruß, ich grüße freudig zurück. Die Liebste ist bereits angekommen. Unser Bett steht für die nächsten Tage in Prenzlauer Berg, dort wo sich keine Tourist_innen hinverirren. In meinem Lieblings-Tschocherl, pardon, meiner Lieblings-Raucher-Kneipe gibt es zur Belohnung ein Berliner Pilsner. Der Mützenträger am Nachbartisch hält seinem Gegenüber einen Muschi-Vortrag, Einzelheiten würden zu weit führen. Zeit zu gehen, unsere Berliner Freund_innen warten!

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Eine nasskalte Nacht, die Dörfer-Tour und klopf auf Holz!


4. Tag: Donnerstag, 14. Dezember

Strecke: Neustadt/Harz – Teistungen – Böseckendorf – Duderstadt – Ecklingerode – Brehme – Neustadt/Harz

Die ganze Nacht trommelt der Regen auf die Zelthaut, in der Früh wird der Regen zu Schnee. Das Zelt ist waschelnass – außen – im Inneren regiert die trockene Kälte. Der Gaskocher wird im Beifahrer-Fußraum des ebenfalls gut gekühlten Kleinwagens angeworfen – Kaffee only – Hauptsache was Warmes. Beim Frühstück im gut aufgeheizten Campingplatz-Imbiss erzählt die Wirtin die Vertreibungsgeschichte ihrer Familie. 1947 von Wolin (Polen) nach Deutschland, in Thüringen war Endstation. An ihre Heimat hat sie keine Erinnerung mehr, sie war damals gerade erst geboren. Ihre Geburtsstadt durfte sie erst nach der Wende wiedersehen. An die DDR-Zeiten denkt die rüstige Senior-Chefin ohne Groll: «Es gab auch viel Gutes, nur heute im wiedervereinigten Land sind wir Ostler Deutsche zweiter Klasse.»
Heute wird ein Reise-Stopp-Tag eingelegt und die nähere Umgebung abgefahren. Entlang des «Grünen Bandes», die Dörfer-Tour: Böseckendorf, wo am 2. Oktober 1961 knapp die Hälfte der Dorfeinwohner in den Westen geflohen sind. Teistungen und sein Grenzlandmuseum. Eklingerode. Brehme, von wo aus Siegfried Rothensee (siehe gestrigen Blog-Eintrag) im weißen Hemd durchs Moor die Seiten gewechselt hat. Viele Hügel, viele Felder, viel Landschaft. In den Dörfern gibt es maximal einen Bäcker, aber keine Gaststuben für Fest- und/oder Flüssignahrung. Eine Skurrilität am Rande: Eine Ortschaft mit nix und zwei Friseuren! Die letzte Station vor meiner Zeltstadt ist die Kleinstadt Nordhausen. Fachwerkhäuser treffen auf Baustellen und Baulücken, alles sehr zerrissen.
Klopf auf Holz – mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte, eine äußerst sympathische Angewohnheit in ostdeutschen Gaststätten, zur Begrüßung oder Verabschiedung. Und schon wieder ist das Licht aus, was folgt ist die Suche nach Nahrung und der darauffolgende Rückzug in den Schlafsack. Morgen wartet Berlin, die «Haberer_innen» Ronald und Ursula sowie ein frisch gemachtes Bett.

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Graue Theorie, Abfahrt Lederhose und eine Republiksflucht


3. Tag: Mittwoch, 13. Dezember

Strecke: Gössitz – Teistungen – Neustadt/Harz

Vorstellung und Wirklichkeit sind nicht miteinander verwandt! Die Realität der letzten Nacht: 18 Uhr, Camping-Wirtshaus sperrt zu. 18.30 Uhr, eingraben in den Schlafsack. 22 Uhr, erstes Mal ausgeschlafen. 02 Uhr, zweites Mal ausgeschlafen. 03 Uhr, raus in die Kälte, pinkeln bei Temperaturen unter Null. 06 Uhr, endgültig wach. Morgentoilette. Die Zähne klappern. 07 Uhr, mit dem Gaskocher Kaffee kochen.
Heute keine Experimente, keine verführerischen Landstraßen, nur kurz durch das zart verschneite Thüringer Vogtland, dann ganz pragmatisch rauf auf die Autobahn. Mit «Hirsch Fisch» kommt die gute Laune zurück – «In da Toschn, drinn is a Foto, do is ana drauf der freindlich locht». Auch die Autobahn-Abfahrt «Lederhose» sorgt für Heiterkeit. In Teistungen bei Duderstadt, direkt an der ehemaligen Deutsch-Deutschen-Grenze, wartet Siegfried Rothensee um von seiner Republiksflucht aus der DDR zu erzählen. Inzwischen sind 53 Jahre vergangen, beim Erzählen kämpft Siegfried Rothensee noch immer mit der Geschichte. Sein Bruder ging für einen gescheiterten Fluchtversuch mehrere Jahre in den Knast. So viel Zeitgeschichte braucht seine Zeit, die Sonne hat sich längst verabschiedet, Schneeregen begleitet mich zur heutigen Schlafstation. Mein mobiles Haus steht in Neustadt/Harz. Autoscheinwerferlicht hilft beim Aufbau. Es schneit. Jetzt noch eine echte Thüringer Bratwurst und ab in den Schlafsack.

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Unter Null, Verzögerung der Zeit und ein Zeltplatz an der Saale


2. Tag: Dienstag, 12. Dezember

Strecke: Budweis (CZ) – Pilzen – Chep – Plauen (D) – Gössitz

Hanka, Honza – danke, baba! Rauf auf die Bundesstraße, der Fuß am Gasregler – Einheits-Wohlfühlig-Geschwindigkeit auf allen Wegen – der Kopf im Himmel. Písek, Pilsen, kurz vor Karlsbad geht es über die Berge. Das Thermometer unterschreitet zum ersten Mal die Null-Grad-Marke und die ursprüngliche Vorfreude auf die kommende, erste Zeltnacht (Training für die Finnland-Rad-Reise im nächsten Jahr) schwindet. Unterdessen tönen die wunderbaren Reisebegleiter «Hirsch Fisch» noch immer aus dem Abspielgerät: «Steig ma unsam Hund aufn Schwaf, schreit der Hou Hou!» Jetzt wäre das depperte Navi eine große Hilfe, ist aber nicht. Die gedachte Ankunftszeit am Campingplatz von Gössitz an der Saale verschiebt sich immer weiter nach hinten, die verlorene Zeit bleibt auf nicht unromantischen Nebenstraßen liegen. Kurz vor Licht-Aus ist das Ziel dann doch erreicht, das Zelt aufgebaut, ein Erfrischungsgetränk in Arbeit. Die aufgereihten Wohnwägen sind alle unbewohnt und auch im offenen Gasthaus bin ich der einzige Gast. Aus dem Radio dröhnt eine bereits zart betrunkene «Oh du fröhliche …» Live-Gesangs-Übertragung von irgendeinem Weihnachtsmarkt. Gnade! Sperrstunde 18 Uhr. Was macht man zur frühen Stunde bis zum Schlafen gehen, ohne Licht, ohne Heizung, ohne Unterhaltung? Morgen bin ich gescheiter.

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Raus aus der Punschdunstglocke, Hirsch Fisch im Ohr und Budweis im Visier


1. Tag: Montag, 11. Dezember

Strecke: Wien – Gmünd (A) – Budweis (CZ)

Flucht vor der Ver-Punsch-hüttelung der Wiener-Stadt, der Osten ruft. In der Ferne berührt der ebenfalls allgegenwärtige Vorweihnachts-Wahnsinn nur peripher. Das Ziel ist Berlin, die Annäherung erfolgt auf klein-klein, in Etappen. Das Reisetransportmittel ist das motorisierte Vierrad, das Brompton-Falt-Zweirad fährt für Kurzstreckeneinsätze im Kofferraum mit. Im Autoradio dreht sich das unwiderstehliche Duo «Hirsch Fisch» – «Gestern traf ich einen Dinosaurier, das hat mich sehr überrascht» – draußen breitet sich das Waldviertel aus. Viel Holz, viel Feld, einige Schneereste. Für Nicht-Frohnaturen birgt das Waldviertel in der Wintersaison einige unberechenbare Risiken. Abgesehen davon, kurz nach der Wiener Stadtgrenze stellt das Navigationsgerät unwiderruflich seinen Betrieb ein. Klumpert! Bei Gmünd wird der ehemalige «Eiserne Vorhang» durchschnitten und schon bald kündigt sich Budweis an. Auch in der tschechischen Bierstadt tobt der Vorweihnachtszirkus, aber die Vorfreude auf meine tschechischen Freund_innen Honza und Hanka, kennengelernt am letzten lettischen Zipfel von Cap Kolka, überwiegt. Eine Wildente köchelt bereits im Topf und balkongekühlte Bierspezialitäten warten darauf im Rahmen der Wiedersehensfeierlichkeiten verkostet zu werden. Heute noch eine Nacht im gemachten Bett, ab morgen wird im Zelt geschlafen!

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Das lange Band, ein Achterl im Dreiländereck und ein Fisch Paprikasch im Paradies


Eine serbische Reise
Freitag, 15. September

Strecke: Wien (A) – Budapest – Mohac (HU) – Batina (HR) – Bezdan (SRB)

Unterwegs am langen grauen Band, ohne Unterbrechung von Wien bis nach Mohac, beides an der Donau. Ohne Pause. Ab Mohac geht es auf Bundesstraßerln weiter, bei Udvar durchschneiden wir den ehemaligen «Eisernen Vorhang» in Richtung Kroatien. Das kroatische Gastspiel ist ein kurzes. Pause jetzt. In Batina, im Dreiländereck Kroatien, Ungarn, Serbien, wartet 105 Meter über’m «Schdrom» (Donau) ein Glaserl Wein auf uns. Ein erhabenes Monument inmitten von Weinbergen erinnert an die Schlacht von Batina, wo sowjetische und jugoslawische Verbände 1944 die deutschen Besatzer in einer blutigen Schlacht besiegten. Heute trennt die Donau das einst verbündete Jugoslawien. Die erste Endstation der Reise ist die Pikec Csarda bei Bezdan am letzten Zipfel Serbiens. Ein Stück Paradies direkt an der Donau. Donauschiffe ziehen vorbei, Fische zeichnen sich in großen Kreisen unsichtbar im Wasser ab. Die Sonne hat sich inzwischen hinter dem «Schdrom» versenkt, ein Fisch-Paprikasch krönt den ersten Abend.

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3.798 Kilometer in 39 Tagen durch acht Länder und ein großes Danke!


40. Tag: Samstag, 22. Juli

Zusammenfassung:

Start: Riga/Lettland
Ziel: Wien/Österreich
Entlang der Grenze des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ durch acht Länder: Lettland, Litauen, Russland, Polen, Deutschland, Tschechien, Slowakei, Österreich
3.798 Kilometer in 39 Tagen
25 Nächte im transportablen Einmannhaus
14 Nächte in gemachten Betten
1 Patschen (Platten)

Danke an:
Die Liebste
Lili, für die beste Rundumbetreuung
Brompton/Cooperative Rad (www.fahrrad.co.at)
Schwalbe Reifen (www.schwalbe.com)
Treksport (www.treksport.com)
Augustin (www.augustin.or.at)
… und vor allem an EUCH für’s Blog-lesen und mitfiebern – DANKE!
Alles Liebe
Mario

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„Heimtrainer-Strecke“, ein „Patschen“ im Finish und auf ein „Ansa-Menü“ im Knusperhäuschen


39. Tag: Freitag, 21. Juli

Karte

Strecke: Bratislava (SK) – Wien/Wasserwiese (A)

Streckenlänge: 60 km

Zeitig verlasse ich mein „Botel“ in Bratislava. Die Ufo-Brücke und die Bratislava Burg zeichnen sich noch lange im Rücken ab. In Hainburg an der Donau noch ein Frühstück zur Stärkung für die „Heimtrainer-Strecke“ immer den Damm entlang bis nach Wien. Mit dem Zug fahren wäre ein gravierender Schönheitsfehler. Also zum x-ten Mal rauf auf die endlose Gerade. Fad ist ein Hilfsausdruck. Motivation stellt sich ein kurz vor Ort an der Donau ein, mein lieber Freund Dieter kündigt sich an. Treffpunkt, Lobau, Knusperhäuschen, eine meiner Herzstationen. Ab sofort tritt es sich leichter, bis rund 20 Kilometer vor Wien, auf einmal wirds unrund. Ein „Patschen“! Unglaublich, 3.800 Kilometer über die unmöglichsten Untergründe haben mich meine „Wunderreifen“ getragen und jetzt kurz vorm ultimativen Erfrischungsgetränk geht dem Vorderreifen die Luft aus. Der Übeltäter, ein messerscharfer spitzer Stein ist gleich gefunden, mein Reifen ist absolut schuldlos. Österreich, ein gefährliches Pflaster. 15 Minuten Pannenbeseitigung und 30 Minuten Restweg später, sitze ich mit Freund Dieter vereint unter einer stattlichen Kastanie bei einem „Ansa-Menü“: Pferd in Semmel plus Wieselburger (Bier). Großartig. Später im Schrebergarten wird mit den Eltern, Relli und Dieter die Reise nachbearbeitet. Schön. Danke!

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Die March, der verschwundene Zielhafen und a bissi traurig


38. Tag: Donnerstag, 20. Juli

Karte

Strecke: Valtice – Břeclav (CZ) –Reintal (A) – Rabensburg – Hohenau (A) – Vysoká pri Morave (SK) – Devín – Bratislava

Streckenlänge: 106 km

Heute sag ich Tschechien Baba und nach einem kurzen Österreich-Gastspiel tauche ich ein in die Slowakei. Nach Hohenau wird die March (Morava) überquert. Die March ist sowohl Grenzfluss der Slowakei mit Tschechien als auch auf 91 Kilometer mit Österreich. Bei Devin kurz vor Bratislava mischt sie sich in die Donau und reist mit ihr ins Schwarze Meer. Die March ist fast den ganzen Tag meine Begleiterin. Aulandschaften, Felder, Wälder auf der ganzen Strecke. Ein Phänomen: Kaum glaubt man alles „in trockenen Tüchern“ zu haben, passiert ein Hoppala und ich lande in der Botanik. Ein See neben einer Industrieruine wird holprig umrundet bis wieder, wie aus dem Nichts, der Radweg auftaucht. Auf dem Ganzen Weg gibt es nur zwei grenzüberschreitende Verbindungsstraßen (abgesehen von einer kleinen Autofähre bei Angern, und einer Fahrradbrücke bei Schlosshof), eine in Hohenau, die nächste erst wieder in Bratislava. Am Zusammenfluss von March und Donau steht das „Tor zur Freiheit“ zum Gedenken an die 400 Menschen die in der Tschechoslowakei bei Fluchtversuchen ums Leben gekommen sind. In Devin, oben thront die Burgruine, unten suche ich vergeblich nach meinem Lieblingsort an der Donau. Das kleine schrullige Fisch- und Grill-Imbiss, direkt am Wasser nahe der Schiffanlegestation, ist verschwunden. Das wäre mein ideeller Zielhafen gewesen. Schwer enttäuscht trete ich die letzten Kilometer bis nach Bratislava. Hier schließt sich ein Kreis, mit heute ist die „Eiserne-Vorhang“-Strecke von St. Petersburg (RUS) bis nach Tsarevo (BG) vollständig abgeradelt. Das Bett für die letzte Nacht in der Fremde schaukelt in einem Schiff direkt auf der Donau und während des Blog-Schreibens schaue ich direkt auf die Bratislaver Ufo-Brücke. Trotz Freude auf zu Hause bin i a bissi traurig!