Genosse Dimitroff, Alexander Newski und das Rila Gebirge


  1. Tag: Freitag, 24. September

Strecke: Trnski Odorovci – Dimitrovgrad (SRB) – Dragoman (BG) – Sofia – Dupniza – Panichishte

Streckenlänge: 187 km

Die Jerma begleitet uns zurück ins Tal, wenige Kilometer östlich wartet Dimitrovgrad als letzte Jausen-Station vor der bulgarischen Grenze. Die Kleinstadt verdankt ihren Namen dem bulgarischen Kommunistenführer Georgi Dimitroff. Der Georgi kann auch mit einem Wien-Bezug aufwarten, auf Grund von internen Grabenkämpfen innerhalb der KPÖ, wurde er unter seinem Decknamen «Oswald» vorübergehend Parteivorsitzender. Eine Tafel am St.-Elisabeth-Platz in Wien-Wieden gedenkt dem bulgarischen Politiker.
Die erwartete Autobahn nach Grenzübertritt wird gerade ausgebaut und die dazugehörige Baustelle sorgt für Unmut. Vom Baustellenstau in den Großstadtstau. Die bulgarische Hauptstadt vor dem Fenster lässt sich ein kleiner Ausflug nicht abschlagen. Gemeinsam mit der Blechlawine rein in’s Getümmel, eine Ehrenrunde um das Wahrzeichen, die Alexander-Newski-Kathedrale und gemeinsam mit 1.000 Anderen wieder raus aus der Stadt.
Rila Gebirge erscheint im Blickfeld und zeigt sich mit einem kleinen Schneehäubchen. Morgen wartet ein Wandertag zu den Rila-Seen auf über 2.000 Meter, das Dorf Panichishte ist Ausgangspunkt und Nachtlager für die morgige Tour.

Prärie, Bergwelten und ein gemachtes Bett


  1. Tag: Donnerstag, 23. September

Strecke: Camp St. Mokranjac – Zaječar – Knjaževac – Pirot – Trnski Odorovci

Streckenlänge: 210 km

Auch diesmal gibt es einen geneigten Mitesser am Frühstückstisch. Der heutige Tag ist als Zubringertag geplant, ohne übersteigerte Erwartungen an die Strecke, mit einem Zeltplatz nahe der bulgarischen Grenze. Bis nach Knjaževac schraubt sich eine einzige Landstraße durch großteils unbewohnte hügelige Provinz. Felder, Buschlandschaften, Prärie, am Horizont bauen sich Bergwelten auf. Einziges Handicap am Weg, unzählige Straßenbaustellen, der zu bewältigende Untergrund hat es dringend nötig. Die wenigen Kleinstädte unterwegs besitzen alle die gleichen Merkmale: Stadtkerne im sozialistischen Baustil, ansonsten ein architektonisches Allerlei. Ab Knjaževac sind die Bergwelten erreicht und die Fahrt Richtung Pirot strotzt vor wildromantischen Reizen. Die Straße, wieder ein rumpeliger Fleckerlteppich, führt durch Natur pur, die spärlich eingestreuten Dörfer wirken nur auf der Durchreise idyllisch. Pirot liegt an der alten Orientexpress-Strecke, der Verbindung von Paris nach Istanbul.
Der Jerma-Fluss mäandert im serbisch-bulgarischen Grenzbereich, das angepeilte Nachtlager versteckt sich in der Jerma-Schlucht. Angekommen am angepeilten, von Mr. Google vorgeschlagenen Punkt, weiß niemand etwas von einem Campingplatz. Glück im Unglück, es findet sich ein gemachtes Bett in Reichweite, ein serviertes Abendessen inklusive. Hvala! Živeli!

Ein Rumänien-Ausflug, Ethno-Schlager und immer lockt der Schdrom


  1. Tag: Mittwoch, 22. September

Strecke: Bela Crkva (SRB) – Socol (RUM) – Orșova – Kladovo (SRB) – Kusjačka – Camp St. Mokranjac

Streckenlänge: 269 km

Zwei ungebetene Frühstücksgäste, einer mit langen, einer mit kurzen Haxen, sind nicht abzuschütteln …
Gleich zu Tagesanbruch eine neuerliche Grenzüberschreitung, auf Serbien folgt Rumänien. Der heutige Tag gehört einzig und allein der Donau, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, dazu liefert der lokale Radio-Sender die passende Begleitmusik: Herzzerreissenden Ethno-Schlager, gequetscht, geblasen, samt schmachtender Stimmen.
Einzig Beleuchtung und Thermometer wollen nicht mitspielen: Dunkle Wolken bei satten 14 Grad. Das rumänische Donauufer ist über weite Strecken unbewohnt, erst ab Dubova beginnt das Leben am Fluss. Rumänien bleibt ein Tagesausflug kurz nach Orșova führt eine Brücke über das Kraftwerk «Eisernes Tor» zurück auf serbischen Boden. Der Schdrom begleitet uns weiter, diesmal auf der Herzseite, bis zum einsamen Mikro-Campingplatz direkt am Fluss. Nur die Temperaturskala wandert weiter in die falsche Richtung und es wartet eine Nacht mit einstelligen Gradwerten …

Slivo, Verkehrschaos und eine Oase


  1. Tag: Dienstag, 21. September

Strecke: Orašac – Obrenovac – Belgrad – Pančevo – Kovin – Bela Crkva

Streckenlänge: 186 km

Zum Frühstück serviert die Campingplatzbetreiberin Feigen, dazu einen Slivo. Živeli! Eine Dörfer-Tour führt über Obrenovac die Save entlang Richtung Belgrad. Rein in’s Verkehrschaos, eine Runde durch die serbische Metropole und schnell wieder raus. Zu Füßen der Belgrader Burg vermischt sich die Save mit der Donau auf ihrem Weg ins Schwarze Meer.
Über die Donau zurück in die Vojvodina, über Pančevo Richtung dem letzten serbischen Außenposten kurz vor der rumänischen Grenze. Einspurige Landstraßen führen durch steppengleiche Landstriche. Auch eine geringe Kilometerleistung erfordert einen maximalen Zeitaufwand. An einem See nahe Bela Crkva werden die Zelte aufgeschlagen. Das Camp Oaza, immer wieder eine willkommene Zwischenstation.

Ein verwundeter Turm, ein schwimmendes Reh und ein neuer Fluss


  1. Tag: Montag, 20. September

Strecke: Bezdan (SRB) – Apatin – Vukovar (CRO) – Ilok – Sremska Mitrovica (SRB) – Šabac – Orašac

Streckenlänge: 235 km

Gestern war alles noch sehr weitläufig, heute präsentiert sich ein enges Blickfeld. Über der Donau liegt eine dichte Wolkendecke, das gegenüberliegende kroatische Ufer ist unsichtbar. Dicke Regentropfen klopfen einen gleichmäßigen Rhythmus. Einen Grenzübergang weiter auf kroatischer Seite lassen die Schauer nach, der bedeckte Himmel bleibt. In Vukovar werden die offensichtlichen Wunden des Kroatienkrieges (1991-1995) von Jahr zu Jahr weniger, gänzlich verschwinden werden sie noch lange nicht. Auf den Wasserturm von Vukovar, dem Wahrzeichen der Stadt, fährt ein Lift bis zu einer Aussichtsplattform. Die Außenwände sind noch immer zerschossen, im Inneren führen Metallstege durch den hohlen Raum. Monitore mit bewegten Bildern holen den Wahnsinn des Krieges noch einmal in die Gegenwart. Oben auf weht eine überdimensionale Kroatien-Flagge. Mobiltelefone klicken, halten die Erinnerung fest. Sich umarmende Paare wischen sich Tränen aus den Augenwinkeln. Gänsehaut breitet sich aus.
Weiter die Donau entlang in Ilok flüchtet ein aufgeschrecktes Reh über den breiten Fluss an das serbische Ufer. Noch einmal wird die Grenze überschritten. Zurück in Serbien werden die Flüsse getauscht, auf die Donau folgt die Save. Nahe Šabac findet sich ein verwunschener Campingplatz und das Mobilheim versteckt sich zwischen Wal- und Haselnussbäumen.

Rauschendes Fest, grauer Asphalt, liebstes Platzerl


  1. Tag: Sonntag, 19. September

Strecke: Wien Wasserwiese – Bezdan (SRB)

Streckenlänge: 448 km

Der Augustin feierte mit Freund_innen sein «25+1-Jahres-Fest» in der Wiener Arena. Auch der Chor der Straßenzeitung durfte nach einem Jahr Zwangspause wieder einmal auf die Bühne und zelebrierte sein «20+1-Jahres-Jubiläum». Im finalen Gefühlsrausch verschmolz das Publikum mit dem Stimmgewitter zu einer einzigen Stimme und hunderte Schnäbel zwitscherten: «Halt dich fest, an deiner Liebe!»
Der Kater nach dem Fest lässt sich bis zur Mittagszeit wegstreicheln. Auf eine harte Woche folgt die Aussicht auf eine entspannte Stadtflucht. Das Ziel der Reise ist nicht genau definiert, was fest steht ist: Richtung Südost, Richtung Bulgarien, Richtung Schwarzes Meer. Auf der Suche nach ausufernden Flusslandschaften, weitläufigen Bergwelten, einsamen Gegenden.
Der unvermeidliche Anfahrtsweg will schnell bewältigt werden, rauf auf’s graue Band, durch Ungarn durch, rein nach Serbien, zum ersten Sehnsuchtsplatzerl, der Pikec Čarda nahe Bezdan, direkt am Schdrom. Das Bild spricht mehr als tausend Worte!

Letzte Kilometer, eine Zusammenfassung und vielen Dank!


  1. Tag: Donnerstag, 22. Juli

Strecke: Donnerskirchen – Winden – Jois – Neusiedl am See – Wien

Streckenlänge: 72 km (20 Radkilometer)

Ein letzter Häferlkaffe vom Kocher, eine letzte Tschick und eingebogen auf den Neusiedlerseeradweg. Sehr starkes Verkehrsaufkommen, dafür nur noch 20 Kilometer bis zum Bahnhof. Die Rückreise nach Wien erledigt die Bundesbahn, zu oft schon haben die Räder diese Strecke bereits bewältigt.
«Servas Oida, hob di ewig ned g’segn. Kumm, dazöh ma, wos is ollas so g’schegn. Jo, i woa laung nimma do, owa jetzt bin i unhamlich froh. I bin wieda in Wien (Georg Danzer)!»

Abschließend eine kurze Zusammenfassung:
«Innenrum Rundherum»
Reisetage: 25
Nächte im gemachten Bett: 4
Nächte im Zelt: 20
Kilometer gesamt: 2.286
Kilometer Rad: 1.678
Bundesländer: 9
Einzige Spielregel: keine internationalen Grenzüberschreitungen

«Der kurze Brief zum langen Abschied (Peter Handke)», 1.000 Dank an alle Unterstützer_innen, Leser_innen, … alles Liebe bis zur nächsten Ausfahrt!
Mario

Ein letztes aufbäumen, ein Jubiläum und eine Henkersmahlzeit


  1. Tag: Mittwoch, 21. Juli

Strecke: Nikitsch/Filež – Oberpullendorf – Mattersburg – Oslip – Donnerskirchen

Streckenlänge: 80 km

Der vorletzte Tag ist angezählt. Der Kopf ist schon mit einer Hälfte zu Hause. Bis zum letzten Nachtlager führen Güterwege, die Bundesstraße und der Jubiläumsradweg R1. Apropos Jubiläum, das Burgenland feiert heuer seine ersten 100 Jahre. Zur Auffrischung: Das heutige Burgenland gehörte einst zum Königreich Ungarn, erst durch den Vertrag von Trianon wurde das damalige Deutsch-Westungarn 1921 an die neue Republik Österreich angeschlossen. Die Stadt Ödenburg/Sopron entschied sich bei einer Volksabstimmung für den Verbleib bei Ungarn und somit wurde die kleine Schwester Eisenstadt die Hauptstadt des neuen Bundeslandes.
Die hundertjährige Jubiläumsstadt wird links liegen gelassen und ein Schlampigkeitsfehler sorgt für ungewollte, weitere zehn Radkilometer. Das Nachtlager wird leicht erhöht in Donnerskirchen aufgeschlagen. Zu Füßen liegt die größte «Gatschlacke» des Landes, der Neusiedlersee.
Noch einmal ein Besuch in der Buschenschank, Freund_in Jürgen und Silvia feiern mit. Übrigens, Silvia feierte vor kurzem auch einen Runden, die Jahre des jüngsten Bundeslandes durch zwei. Alles Gute!

Uhudla trinken & lesen, die Luft ist raus und Kroatien im Burgenland


  1. Tag: Dienstag, 20. Juli

Strecke: Rauchwart im Burgenland – Kohfidisch – Großpetersdorf – Stadtschlaining – Unterkohlstätten – Lockenhaus – Lutzmannsburg – Nikitsch/Filež

Streckenlänge: 84 km

Neuer Tag neues Glück. Die Gestirne stehen prächtig, leicht bewölkt, windstill und ein perfekter Untergrund. Alles rollt wie am «laufenden Band». Durch Kohfidisch, vorbei am sagenumwobenen Csaterberg mit seiner vollmundigen Rabiatperle, dem Uhudla. Wer den Uhudla nicht trinken will, der muss ihn lesen: der Uhudla, die revolutionärste Zeitung des Landes. Auf diesem Weg beste Grüße an den Uhudla-Häuptling «Max den Portugallier»!
Der Stillhaltepakt mit dem Wind hält nicht lange und einige wenige Anstiege liegen auch wieder am Weg: Zur Friedensstadt Stadtschlaining, samt einer sich im Umbau befindlichen Burg, sowie hinauf nach Unterkohlstätten im Naturpark Geschriebenstein.
In Lockenhaus versorgt die «Weiberwirtschaft» den Fahrer mit einem wunderbaren Menü. Gleich nach der verdienten Pause geht dem Rad, vorne die Luft aus. Kurz nach der genüßlichen Erholung fallen derbe Worte.
Die letzten Kilometer führen auf Güter-, Radwegen durch die burgenländische Landwirtschaft. Sonnenblumenfelder sorgen für den farblichen Tupfer. Ein Fuchs kreuzt die Spur, die Hasen tanzen. In der kroatischen Gemeinde Nikitsch/Filež ist Schluss. Das Zelt steht im idyllisch verwilderten Garten der Energiemühle (Danke Lisa!). Alle Hinweistafeln sind zweisprachig und im Wirtshaus-Heurigen der Familie Prandler ist kroatisch die Tischsprache. Dem Fahrer zuliebe werden die Zungen gewechselt. Das Herzstück der wunderbaren Gastwirtschaft ist die mit Trisomie 21 geborene Tochter Yasmine. Die restliche liebe Familie fungiert als helfende Hände. Ein geistreich unterhaltsamer Abend dauert bis tief in die Nacht!

Geist versus Körper, Gegenwind und schon wieder der Ambros


  1. Tag: Montag, 19. Juli

Strecke: Pavelhaus/Laafeld – St. Anna am Aigen – St. Martin an der Raab – Mogersdorf – Heiligenkreun im Lafnitztal – Rauchwart im Burgenland

Streckenlänge: 76 km

Die vierte Woche beginnt gemütlich unter den Arkaden des Pavelhauses, auf einer Bierbank, bei Löskaffee vom Gaskocher. Eine Fahrt durch die südoststeirische Landwirtschaft, rechter Hand die slowenische Grenze, Richtung Norden. Es dauert nicht lange, schon lauern die ersten Anstiege. Der Geist ist noch willig, aber die Beine nicht mehr ambitioniert. Labestationen sind selten, dafür gibt es wieder die wunderbare Einrichtung von Selbstbedienungs-Hofläden. Nach St. Anna am Aigen wird das letzte noch fehlende Bundeslang angebrochen, nur der lästige Gegenwind raubt den letzten Rest der Motivation. Bei St. Martin an der Raab kommt es zum Nachbarschaftsgipfel zwischen Slowenien, Ungarn und Österreich. Die Hofläden sind wieder verschwunden und die Jausenstationen noch nicht wieder aufgetaucht. Mr. & Mrs. Googel haben wieder sehr kreative Routenvorschläge, es beginnen holprige Zeiten über Feld- und Waldpfade. Bei jeder Wegkreuzung muss digital nachgefragt werden.
Jetzt hat auch noch die einzige vollwertige Hose den Geist aufgegeben, aufgerissen zur vollen Beinfreiheit und auch der Zipp ist hinüber – Auf Wiedersehen! An der Grenze zu Ungarn wird ein Erinnerungs-, eigentlich ein Abschiedsfoto, für die Serie «Liegen Gelassen» geknipst. Der restliche noch brauchbare Stoff ist inzwischen schwer an der Kippe zu unbrauchbar, das Reisewaschmittel aufgebraucht, aber wem kümmert’s. Und schon wieder dreht sich der Wolferl Ambros im Kopf: «I bin verwahlost, des kann a jeder sehn, i bin verwahrlost, aber i bin frei!»