Geografische Endstation, Zielhafen des Herzens und Badeschluss am Sonnenstrand


  1. Tag: Montag, 4. Oktober

Strecke: Istanbul – Kirklareli (TR) – Tsarevo (BUL) – Burgas

Streckenlänge: 385 km

Die Möwen kreisen am Himmel und das Frühstück auf der Dachterrasse sorgt für Wehmut, Istanbul war die geografische Endstation.
Die Stadtausfahrt gelingt ohne Aufregungen, ist der Ballungsring der Stadt erst einmal durchbrochen, beginnt eine einsame nahezu verkehrsfreie Reise zur Endstation des Herzens. Dazwischen liegen die türkische Kleinstadt Kirklareli, ein unproblematischer Grenzübertritt, die Rückkehr auf kriminelle Sraßenbeläge und eine einsame, landschaftlich reizvolle Fahrt ans Schwarze Meer. Mit Tsarevo ist auch derZielhafen des Herzens erreicht. Schon 2016 war Tsarevo das Ziel der «Vorhang-Auf-Tour», entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Ein Erfrischungsgetränk an den Klippen, das Meeresrauschen, die Gedanken fliegen lassen …
Der schöne Moment des Ankommens währt nicht lange: Badeschluss am bulgarischen Sonnenstrand! Alles dicht, die Lokale, die Märkte, die Campingplätze. Die Küste gleicht einem grauen Betonfriedhof am blauen Meer. Letzte Ausfahrt Burgas, ein Bett, ein Essen und gute Nacht.

Mit Öffis durch die Stadt, der Prenzlauer Berg von Istanbul und Aufregung bis zum Schluss!


  1. Tag: Sonntag, 3. Oktober

Strecke: Istanbul

Streckenlänge: Stadtflanerie

Sonntag morgen, die Metropole hat den vergangenen Tag verdaut, die Hölle schläft noch. Mit der Straßenbahn zum Bosporushafen, mit dem Fähre nach Beşiktaş und einen Kontinent weiter nach Üsküdar auf den asiatischen Teil der Stadt. Tee trinken, die Promenade entlang, noch einen Tee und zurück ins Abendland. Die Hügel von Beşiktaş rauf und runter. Inzwischen ist die Stadt wieder munter, mit ihr auch alle 15 Millionen Menschen. Istanbul hat viele Gesichter, Beşiktaş zeigt sein lebendigstes, der Prenzlauer Berg von Istanbul. Die Jugend verschwendet sich in den Gassen und ihren Cafes. Durch den Gezi-Park, über den Taksim-Platz zur İstiklal Caddesi. Menschentrauben hängen an der Nostalgiestraßenbahn inmitten der Haupteinkaufsstraße. Das 360-Grad-Restaurant bietet teuren Wein und den besten Rundumblick, inklusive allen Attraktionen der Stadt. Zurück am Wasser, in einer Nussschale schwimmend, rüber über das Goldene Horn und mit der Staßenbahnlinie T1 zurück zum Hotel. Beim letzten Abendessen in Fatih stoppt ein Polizeieinsatz eine Schießerei. Istanbul bleibt aufregend!

Durch die Hölle, alles Bazaar und Entspannung am Bosporus


  1. Tag: Samstag, 2. Oktober

Strecke: Edirne – Istanbul

Streckenlänge: 236 km

Im Frühstücksraum randaliert eine Einkaufsgesellschaft bestehend aus einer Busladung griechischer Pensionistinnen.
Die vorherrschende Wetterlage bestimmt den Zielhafen, der Sonne entgegen, auf zum Goldenen Horn! Eine Schnellstraße teilt die karge, hügelige Landschaft zwischen Edirne und Istanbul, die Verkehrssituation ist entspannt. Mit Annäherung an die Megacity ändert sich das Bild, aus der farblosen Umgebung wachsen unzählige Schlafburgen in den Himmel, Konsumpaläste schließen sich an, eine Skyline des Grauens. Das Verkehrsaufkommen nimmt rapide zu bis alles steht. Im Schritttempo geht es von den Trabantenstädten ins erweiterterte Zentrum. Straßensperren verhindern eine Ankunft im angepeilten Hotel. Die Lage ist aussichtlos, mitten im Großraumbazaar von Fatih herrscht absoluter Stillstand. Kein Bett in Sicht, es gibt kein vor und kein zurück und auch die Regenwolken haben uns eingeholt. Für die Bewältigung der letzten acht Kilometer bis zu einer rettenden Parkgarage samt naheliegenden Zimmer verpuffen ganze vier Stunden …
Die Dimension Metropolregion Istanbul ist schwindelerregend, 15 Millionen Einwohner_innen drängen sich auf 5.000 Quadratkilometern.
Nachdem Fahrzeug und Gepäck versorgt sind beginnt der Wahnsinn auf‘s neue, diesmal zu Fuß, fünf der fünfzehn Millionen Menschen haben den gleichen Weg, alle wollen runter zum Fluss. Die Umstände entspannen sich bei einem Erfrischungsgetränk auf der Galatabrücke: Boote aus allen Richtungen schaukeln von Ufer zu Ufer, die Gebetstürme färben sich künstlich in der Dämmerung und die Angelschnüre der Bosporusfischer zittern vor den erschöpften Augen.

Ein Kurzbesuch, Grenzkalamitäten und türkische Kopfhaarpflege


  1. Tag: Freitag, 1. Oktober

Strecke: Plovdiv – Dimitrowgrad (BUL) – Edirne (TR)

Streckenlänge: 186 km

Ein Ruhetag in Plovdiv ohne Ruhe und weiter geht die Reise. Eine Fernstraße führt Richtung Marmarameer, als Zwischenstopp noch ein Kurzbesuch bei Genossen Georgi Dimitroff, diesmal in Bulgarien.
Das bulgarische Dimitrowgrad wurde als erste sozialistische Musterstadt in Bulgarien konzipiert und ab 1947 aus dem Boden gestampft. Erinnerungen an den strammen Kommunisten und ehemaligen bulgarischen Ministerpräsidenten sind inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden. Eine Planstadt mit einem breiten Boulevard, nur der einstige Glanz ist mit dem Jahren abgebröckelt.
Zurück am grauen Band wartet bald die bulgarisch-türkische Grenze. Alle Papiere bei der Hand, liegt das Problem bei der mitgeführten Versicherungskarte. Die Türkei, sprich das Kasterl mit «TR» ist ausgestrichen, somit nicht versichert. Anstellen um eine Versicherung, anstellen um einen Stempel, …, die türkischen Beamten haben alle Zeit der Welt.
Nach dem Müßiggang in Dimitrowgrad, nach dem Stillstand an der Grenze, zeigt sich in Edirne ein ganz anderes Bild: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Eine Moschee reiht sich an die nächste, mit Menschen gefüllte Füßgängerzonen, Bazaare, gut besuchte Teehäuser, laut hupender Straßenverkehr und über allem brüllt der Muezzin.
Wie schon beim letzten Besuch in Edirne wird auch diesmal Gesichts- und Kopfbehaarung stylisch in Form gebracht.

Sieben Hügeln, keine Ruhe und die Top-Fünf von Plovdiv


  1. Tag: Donnerstag, 30. September

Strecke: Plovdiv

Streckenlänge: Stadtflanerie

Plovdiv, eine Stadt auf den sieben Hügeln. Eigentlich ist der heutige Tag als Ruhetag angedacht, aber … Einmal kreuz und quer durch die Stadt, Hügel rauf und Hügel runter, durch die Altstadt, durch die Fußgängerzone, ein Abstecher zum Fluss Maritsa, … die Ruhe bleibt auf der Strecke.
Wie die meisten anderen Balkanstädte hat auch Plovdiv einen Kauderwelsch an Stilen. Von antik bis modern und alles was dazwischen so reinpasst.
Die Top-Fünf von Plovdiv:
Archeologischer Park am Nebet Berg. Ein antiker Steinehaufen mit dem besten Zentrumsblick auf die Stadt.
Das antike Theater. Auf einem Hügel in der Altstadt, die alten Römer genossen Brot und Spiele über dem damaligen Philippoupolis.
Das römische Stadion. Ein kleiner erhaltener Teil lässt die ehemaligen Ausmaße erahnen. Der Rest der hufeisenförmigen Arena liegt unter der heutigen Fußgängerzone begraben. Gleich daneben aus der osmanischen Zeit die Dschumaja-Moschee.
Der Uhrturm. Nicht nur Graz hat einen, der aus Plovdiv steht am Danov Hügel, eine Oase mitten im Zentrum.
Der Befreier Hügel: Und schon wieder ein Hügel, von den bisher erwähnten der höchste. Oben drauf steht die Statue des Russischen Soldatens. Der verwildertste Aufstieg (nicht die Serpentinen nehmen), der beste Rundumblick auf Stadt und Umgebung.

Zauberbrücken, eine Festung und zurück in der Zivilisation


  1. Tag: Mittwoch, 29. September

Strecke: Breze – Shiroka Laka – Pamporovo – Wonderful Bridges – Festung Assenow – Plovdiv

Streckenlänge: 137 km

Die Rhodopen bleiben trotzig und zeigen ihr sprödes, regennasses Gesicht. Ein Tal folgt dem anderen, ein ausgestorbener Wintersportort, die Bäume tragen herbstlich bunte Blätter und der Nebel hängt tief. Eine Abzweigung verspricht «Wonderful Bridges», ein abenteuerlicher Pfad führt begleitet von einem Fluss durch eine bewaldete Schlucht. Am Weg sorgen Brunnen für frisches Quellwasser und eine ältere Frau bittet um eine Mitfahrgelegenheit. Ihr Stand am Einstieg zu den Zauberbrücken führt Honigprodukte, Tee, Marmeladen und warme Socken. Potentielle Käufer_innen sind keine vor Ort.
Außergewöhnliche Felsformationen bilden eine Brücke über ein Wildwasser. Der Brückenkopf gibt einen Dach für eine Jause, dahinter beginnt der Nebelwald.
Die Festung Assenow am Beginn des Rhodopen-Gebirges ist die letzte Zwischenstation auf dem Weg nach Plovdiv, der europäischen Kulturhauptstadt von 2019. Auf eine Woche Höhenluft folgt die Erdung in der Zivilisation.

Die Rhodopen, verdrehte Willensbekundungen und eine Irrfahrt


  1. Tag: Dienstag, 28. September

Strecke: Pirin-Nationalpark – Bansko – Goze Deltschew – Dospat – Trigrad – Yagodina – Teshel – Breze

Streckenlänge: 179 km

Dem Sternenhimmel folgt ein nächtlicher Regenguß. Vom Höhenrausch zu den Mühen des Alltags. Ein neuer Tag, ein neues Gebirge. Ein Zwischenstopp in Goze Deltschew, die Stadt trägt den Namen des bulgarischen Volkshelden und Revolutionärs, ein weiterer in Dospat. Eine auch von Kühen und Pferden frequentierte Landstraße windet sich durch bergige Waldlandschaften. In den Dörfern unterwegs ersetzten Moscheen die orthodoxen Kirchen. Um die Mittagszeit brechen die Wolken und der Regen ist gekommen um zu bleiben. Es folgt eine Irrfahrt durch Rhodopenschluchten auf der Suche nach einem Bett und einer Mahlzeit. Abenteuerliche Straßen führen zu Dörfern im Ruhezustand. Dazu gesellt sich ein Verständigungsproblem, das unausgesprochene «Ja» und «Nein»: Entgegengesetzt der eintrainierten Gewohnheiten bedeutet Kopfnicken «Nein» und Kopfschütteln «Ja», was Verhandlungen nicht leichter macht. Als letzter Unterschlupf findet sich ein Gasthauszimmer im Nirgendwo.

Ein Gipfel, viele Gämsen und eine endlose Tortur


  1. Tag: Montag, 27. September

Strecke: Pirin-Nationalpark/Virhen

Streckenlänge: 11 h Wanderung

Auf vier Rädern bis zur letzten Berghütte auf 1.950 Meter. Schon die erste halbe Stunde Fußweg hat es in sich, der Wegweiser spricht von einem dreistündigen Aufstieg bis zum Virhen-Gipfel, der höchsten Erhebung im Pirin-Gebirge. Zwei Gämsen in der Ferne sorgen für den ersten Glücksmoment. Einen Bergkamm weiter sind wir umzingelt, eine Zählung der Viecher scheitert auf Grund der beträchtlichen Anzahl. Zeit zum Verschnaufen bleibt keine, die Pfade werden steiler und steiniger, die Markierungen verlieren sich. Der ultimative Aufstieg kostet die letzten Kräfte. Oben angekommen entschädigt das Panorama für alle Plagen. Unzählige 2.000er Gipfel rundherum, dem Virhen fehlen lediglich 86 Meter auf 3.000. Die einzige sichtbare Zivilisation ist der Ort Bansko weit unten im Tal. Bansko ist das bulgarische St. Anton, in den Wintermonaten tobt hier der Schi-Zirkus. Aus dem versprochenen dreistündigen Aufstieg, sind viereinhalb Stunden geworden. In der Hoffnung das Ärgste hinter sich zu haben, beginnt der Abstieg. Abseilen wäre ein geeignetes Wort, im Berghang befestigte Ketten begleiten bis zur ersten Verschnaufpause. Die Freude ist von kurzer Dauer, der Weg zurück bleibt herausfordernd. Der zunehmende Kräfteverfall wird von mitleidigen Gamsblicken begleitet. Irgendwann erscheint die rettende Hütte im Blickfeld, dort wartet das beste Bier der Welt!
Im Wirtshaus neben der Zeltwiese geht das Licht aus und ein unglaubliches Sternenzelt entschädigt für eine elfstündige Tortur. Weltklasse!

Ein Kloster, ein neues Gebirge und es gibt kan Gott


  1. Tag: Sonntag, 26. September

Strecke: Panichishte – Dupniza – Rila – Rila-Kloster – Blagoewgrad – Bansko – Pirin-Nationalpark

Streckenlänge: 192 km

Zwei Nächte am gleichen Platz sind genug. Dem gemachten Bett wird der Rücken gekehrt, das Rila-Gebirge umrundet. Rein ins nächste Tal zu einem UNESCO-Welterbe. Das orthodoxe Rila-Kloster ist als Ausflugsziel ebenso beliebt wie die Rila-Gebirgs-Seenlandschaft. Eine endlose Blechkolonne windet sich in Richtung Bethaus. Kirchgang am Sonntag. Die Parkplätze rund um das Kirchengelände sind rar, die Gemüter erhitzt. Im geistlichen Nationalheiligtum angelangt, posieren Pilgergruppen für Erinnerungsfotos. Das Kloster selbst, ist innen wie außen mit Ikonenmalerei bedeckt. In der heiligen Halle werden massenweise Kerzen verkauft, massenweise Kerzen angezündet und das demütige Volk bittet scheinheilig um ein besseres Leben. Das atheistische Herz gerät in Wallungen und Sigi Maron betritt die Bühne: «Waun du brav bist in dein Lebm wirst irgendwaun amoi belohnt … glaub ma Bruada, glaub ma, es gibt kan Gott!»
Es bleibt bei einem Kurzbesuch und «Gott» wird gegen ein «Gebirge» getauscht. Ein neues Gebirge, das Pirin-Gebirge im gleichnamigen Nationalpark. Heute endlich wieder eine Nacht im Mobilheim, diesmal auf 1.800 Meter. Die gute Nachricht, der Zeltwiese ist ein Wirtshaus angeschlossen.

Kaiserwetter, Völkerwanderung und eine unglaubliche Gipfel-Seen-Landschaft


  1. Tag: Samstag, 25. September

Strecke: Panichishte/Rila-Gebirge

Streckenlänge: 8 Stunden Wandertag

Rila ist der größte Nationalpark Bulgariens mit unzähligen Trichterseen und nach jeder Schneeschmelze werden es mehr.
Die Pionerska-Hütte gilt als gemütlichster Einstieg in’s Rila-Universum, ein Sessellift führt auf rund 2.000 Meter zur Rila-Hütte. Der Himmel strahlt in ungetrübtem Blau und gefühlt halb Sofia hat denselben Einfall: den Samstag in der Natur zu verbringen. Die Völkerwanderung beginnt auf perfekt angelegten Pfaden die sich den Berg hinauf winden. Alle sind unterwegs Vater, Mutter, Kinder, auch die Oma und der Schoßhund sind mit dabei. Die sieben bekanntesten Seen, jeder hat seinen Merkmalen entsprechend einen eigenen Namen, liegen stufenartig verteilt zwischen 2.095 und 2.535 Metzer über dem Meer. Schon der erste See löst Begeisterung aus, unzählige Mobiltelefone schießen unzählige Selfies. Die Ausblicke werden immer bizarrer, neben einer unglaublichen Weitsicht erscheint ein See nach dem anderen im Blickfeld. Fotografisch ohne ein Weitwinkel-Objektiv nicht einzufangen. Bei jedem See fallen einzelne Familienverbände ab um ihre mitgebrachte Jause auszubreiten. Am zentralen Aussichtspunkt treffen alle wieder zusammen. Seen und Gipfel so weit das Auge reicht, von einer nahegelegenen Spitze bläst ein «Highländer» seinen Dudelsack, die Menge weit unterhalb applaudiert. Weiterführende Pfade verabschieden sich vom Trubel, irgendwann ist niemand mehr da, nur weitere spektakuläre Ausblicke. Die Wege werden steiniger, die Auf- und Abstiege steiler und die Zeit bis zur letzten Seilbahn knapper. Es geht sich alles aus, die Glücksgefühle werden mit Alkohol verstärkt und im Finale winkt die Aussicht auf ein Abendessen. Als Draufgabe wird im einsichtigen Nebenzimmer ein Kindergeburtstag gefeiert, die Kleinen schlafen schon, die Großen tanzen Hand in Hand Ringelrei zu orientalisch-bulgarischen Klängen!