Ein Grenzslalom, Euphorie und ein Spurenproblem


  1. Tag: Donnerstag, 26. Mai

Strecke: Midschur – Campingplatz (nahe Belogradtschik)

Streckenlänge: 32 km
Wanderung: 5 h

Der Wecker meldet sich um Punkt Sechs, Haus und Bett werden zurückgelassen, rauf auf den Berg mit leichtem Gepäck. Die Wolken haben sich verzogen nur die Steigung bleibt bis kurz vorm Ziel, die letzten Kilometer geht es den Kamm entlang, ein serbisch-bulgarischer Grenzslalom. Ein grenzüberschreitender Weitblick entschädigt für all die Plagen, einzig die Aussicht auf den steinig-steilen Abstieg dämpft die Euphorie.
Bär wurde leider wieder keiner gesichtet, nur seine Spuren. Apropos Spuren, die Spuren der Zweibeiner sind ebenso nicht zu übersehen, nicht nur im Balkangebirge, leider auf der gesamten Reise-Route.
Die Campingplatz-Oase sorgt für alle notwendigen Freuden eines anstrengenden, wie gleichsam wunderbaren Tages: Wasser zum Waschen, traditionelle Küchentöpfe und ausreichend Erfrischungsgetränke!

Seltsame Felsen, ein Berg an der Grenze und ein Unwetter


  1. Tag: Mittwoch, 25. Mai

Strecke: Belogradtschik – Gorni Lom

Streckenlänge: 43 km
Wanderung: 2 h

Nahe dem Campingplatz ragen die Felsen von Belogradtschik aus der Erde. Den besten Blick auf die unwirklichen Felsformationen bietet sich von der Festung der Stadt. Der Ursprung der Befestigungsanlage geht zurück bis ins Römische Reich.
Jetzt fehlt nur noch ein Gipfel, der Midschur bietet sich an, ein Berg im westlichen Teil des Balkangebirges, direkt an der serbisch-bulgarischen Grenze. Mit 2.169 Metern ist er der höchste Berg in Serbien, in Bulgarien schafft er es unter die Top-Fünf. Gorni Lom ist der Einstig zum Aufstieg, die Entfernung zum Ziel macht Hoffnung, die Steigung birgt die Verzweiflung! Nach zwei Stunden halbsenkrecht bergauf durch den Wald, ein Mobilhaus samt Bett und Küche am Rücken, versagen zur Halbzeit die Kräfte. Die „Gelbe Sau“ trägt auch eine gewichtige Mitschuld. Keine Mitwanderer_innen weit und breit. Eine gerade Wiesenstelle für den Hausbau zu finden gestaltet sich schwierig, bei einem Unterschlupf findet sich doch noch ein Eckerl. Gerade noch rechtzitig, während das Nudelwasser kocht verdunkelt sich der Himmel. Ein Sturmgewitter nach allen Regeln der bösen Kunst: Schrägregen, Donnersalven, ein Feuerwerk aus Blitzen … das Mobilhaus verbiegt sich in alle Richtungen, aber hält stand!

Donauaufwärts, das Balkangebirge entlang und ein Feier/Transit-Tag


  1. Tag: Dienstag, 24. Mai

Strecke: Silistra – Russe – Weliko Tarnowo – Belogradtschik

Streckenlänge: 510 km

Aus der bulgarischen Gastlichkeit gibt es kein entrinnen, einmal Essen gehen und schon wieder drängen sich neue Freundschaften auf …
Donauaufwärts bis nach Russe, der Schdrom meist hinter grünen Hügelketten versteckt. Von Russe rein ins Land nach Weliko Tarnowo, gemeinsam mit Kolonnen von Schwertransport, die Romantik bleibt auf der Strecke. Weliko Tarnowo liegt eingebettet im nördlichen Balkangebirge am Fluss Jantra . Die Lust auf Stadt ist nach dem unfreiwilligen Aufenthalt der letzten Tage stark reduziert, noch dazu ist der 24. Mai ein nationaler Feiertag, Bulgarien zelebriert seine Kultur, der Tag ist verbunden mit der Entstehung des kyrillischen Alphabets. Die Stadt ist prall voll mit Besucher_innen und ein Wolkenbruch löscht das letzte Verlangen nach einem Aufenthalt. Rein ins Automobil und das Balkangebirge entlang Richtung serbische Grenze. Im nordwestlichsten Zipfel des Landes, nahe Belogradtschik wird geparkt, ein ganztägiger Transittag legt sich schlafen.

Musik der Möwen, ein unfreiwilliger Stadtaufenthalt und der erlösende Anruf


  1. Tag: Montag, 23. Mai

Strecke: Silistra

Die Möwen können ihre Schnäbel nicht halten, in allen Stimmlagen wird getönt, ohne Intervall. Das gestrandete Automobil hat eine Werkstatt gefunden, die Benzinpumpe hat den Geist aufgegeben.
Runter zum Schdrom, rauf zum Markt, die bulgarische Grenzstadt wird zu Fuß erkundet. Der unfreiwillige Aufenthalt dämpft die Stimmung und auch die bulgarische Gastfreundschaft sitzt noch in den Gliedern. Am Nachmittag kommt der erlösende Anruf, Automobil fertig und abholbereit! Die Wolken verziehen sich, morgen wird die Spur wieder aufgenommen …

Mann auf Straße, Erste Hilfe und ein unfreiwilliger Zwischenstopp


  1. Tag: Sonntag, 22. Mai

Strecke: Rasova (Ru) – Silistra (BG)

Streckenlänge: 79 km

Weiter die Donau entlang, gegen den Schdrom. Kurz vor der rumänisch/bulgarischen Grenze liegt ein Mann, breit ausgebreitet, knapp neben der Fahrbahn. Tot? Erste Hilfe und ein Malheur: Automobil geparkt. Mann in Augenschein genommen. Lebt. Schläft sich den Rausch aus. Zurück zum Automobil. Springt nicht mehr an! Das ursprüngliche Ziel, das Balkangebirge, rückt in weite Ferne …
Der weitere Verlauf: Grenzverhandlungen. Sprachbarrieren. Automobile Fachgespräche. … Der Grenzübertritt erfolgt im Abschleppwagen, das eigene Automobil am Rücken. Sonntag ist ein dummer Tag, alle Werkstätten haben geschlossen. Ein Erfrischungsgetränk beruhigt die Nerven. Es werden noch weitere, eine Einladung in eine Gartenhütte mit Donau-Blick wird freudig angenommen, bulgarische Gastlichkeit, der Rest ist Geschichte …

Das Schwarze Meer, verhüllter Jugendstil und das Leben am Schdrom


  1. Tag: Samstag, 21. Mai

Strecke: Tulcea – Babadag – Constanța – Cernavodă – Rasova

Streckenlänge: 227 km

Eine Boots-Tour ins Delta geht sich nicht aus, es mangelt an ausflugswilligen Besucher_innen. Stattdessen ein kurzer Abstecher, liegt am Weg, ans Schwarze Meer. Wie schon in Tulca ist auch Constanța in Arbeit. Das historische Jugendstil-Casino direkt an der Strandpromenade ist züchtig verhülllt. Was immer funktioniert ist die Gastronomie, am Touristik-Hafen drängen sich die Lokale genauso wie die Gäste. Nichts wie zurück zum Schdrom! Ab Cernavodă kehrt Ruhe ein, der motorisierte Verkehr zieht sich zurück und die Pferdefuhrwerke übernehmen wieder die Straße. Schildkröten queren, Störche naschen am Straßenrand und alles was sonst noch vier Beine hat, bewegt sich kreuz und quer zur Fahrtrichtung. In der Hügellandschaft nahe der Donau wächst der Wein.
In Rasova, vom Tschocherl „Teras La Radu“ aus, lässt sich die Szenerie hautnah beobachten: Badende Kinder, ausdauernde Angler, brav Trabende und durchgehende Pferde, … Am Ortsrand, den Schdrom in greifweite, wird das Mobilheim aufgebaut: Frachtschiffe quälen sich flussaufwärts und gleiten flussabwärts, Straßenhunde fressen dankbar die Brotreste und die Instant-Pasta vom Gaskocher schmeckt, dem Ausblick verschuldet, wie beim Italiener!

Heimwerkerrampen, ein Wiedersehen mit dem Schdrom und Tulcea in Arbeit


  1. Tag: Donnerstag, 19. Mai

Strecke: Chișinău – Hîncești – Cahul (MD) – Galați (RU) – Tulcea

Streckenlänge: 313 km

Raus aus der Stadt, zurück zur Gelassenheit, zurück auf einsame Pisten. Ein weiteres moldawisches Kuriosum, neben den zahlreichen Autowerkstätten gibt es öffentliche Steinrampen für Heimwerker: Rauf auf die Plattform mit dem Vehikel und Werkzeug frei!
Viel Gegend auf dem Weg Richtung Galați, eine unaufgeregte pittoreske Landschaft soweit das Blickfeld reicht. In der rumänischen Hafenstadt Galați gibt es ein Wiedersehen mit dem Schdrom. Eine Autofähre schifft kleine und große Brummer über die Donau. Am anderen Ufer angekommen ist es nicht mehr weit nach Tulcea, der Pforte zum Donaudelta. Eine Hafenstadt in Arbeit, die Uferpromenade wird gerade neu gestaltet. Das bunte Treiben am Kai ist verschwunden, ebenso wie die unzähligen Schiffe an den Anlegestellen, alles Baustelle. Trotz allem, Tulca hat Charme, vom Unabhängigkeitsdenkmal auf einem Hügel schweift der Blick über die Stadt, bis ins Delta und am Horizont bis in den südlichsten Teil der Ukraine.
Ein liebevoll betriebener Campingplatz sowie Ivans Fish-Bar lassen den Tag reizvoll ausklingen. Sowohl der Hecht als auch der Zander, darüber hinaus der Cuvee und der Pálinka – eine Wucht!

Eine weitere Grenzüberschreitung, hüben wie drüben und kostenlose Freuden


  1. Tag: Mittwoch, 18. Mai

Strecke: Iași – Sculeni (RO) – Călărași (MD) – Chișinău

Streckenlänge: 150 km

Das Verlangen weiter in Richtung Osten vorzudringen lässt nicht nach. Bei Sculeni wird die Grenze in die Republik Moldau überschritten. Das umgangssprachliche Moldawien existiert als eigenständiger Staat erst seit 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion. Landschaftlich bleibt alles wie gewohnt: Felder, Dörfer, Wälder. Das Automobil rollt einsam über Landstraßen in Richtung Hauptstadt, erst in Chișinău staut sich wieder das Blech. Die Stadt wirkt zerrissen, ein Stückwerk aus bröckelnden Fassaden und Spiegelglaspalästen. Irritierend, an jeder Ecke wirbt eine Geldwechselstube für den besten Kurs. Der Zentralmarkt der Stadt ist ein Erlebnis für sich, es gibt alles was dem Gaumen guttut und ebenso alles was niemand braucht und alles zusammen im Überfluss.
Im zentralen Ștefan-cel-Mare-Park – Ștefan cel Mare einer der bedeutendsten Herrscher der rumänischen Vorläuferstaaten und die zentrale Figur in der Erinnerungskultur der moldauischen Bevölkerung – wird öffentlich getanzt. Eine Box auf einer Parkpank sorgt für den Rhythmus, die Zeremonienmeisterin daneben interpretiert inbrünstig traditionelle Volksweisen. Um sie herum schwingt eine Gruppe Senior_innen, die Männer deutlich in der Unterzahl, im Takt. Drei Mal die Woche trifft sich das agile Grüppchen im Park, immer um 15 Uhr. Ab und an mischen sich Passantinnen ins Geschehen ein, auch die Jugend schwingt mit. Die Szene verschmilzt zum generationsübeschreitenden Gesellschaftstanz. Freude in den Gesichtern, ein kostenloser Spaß im öffentlichen Raum!

Hoch die Fahnen, ein Hoch auf Iași und Hoch lebe die Gastfreundschaft


  1. Tag: Dienstag, 17. Mai

Strecke: Suceava – Botoșani – Iași

Streckenlänge: 151 km

Was auffällt, die Rumän_innen lieben ihre Flagge, ob in den Dörfern oder in der Stadt, überall weht die Tricolore – Blau-Gelb-Rot. Von offiziellen Gebäuden, von Häuserfassaden oder in Wimpelform quer über die Straße. Die Kleinstadt Botoșani ist leergefegt, nur am lokalen Markt ist Bewegung. Hausgemachte Produkte wiederbefüllt in Pet-Flaschen und Rex-Gläser vertrauter Hersteller. Gartenprodukte neben China-Ware und jede Menge Blumenläden, neben den frischen Schnittblumen türmen sich Grabgestecke aus Vollplastik. Von Botoșani nach Iași sorgt eine kilometerlange Baustelle für schlechte Laune, später breitet sich eine sanft hügelige Landschaft aus und beruhigt das Gemüt. Felder bis zum Horizont, malerische Dörfer mit freilaufendem Federvieh, den Schafen, Rindern und Pferden gehören die noch saftigen Wiesen.
Iași die einstige Hauptstadt des Fürstentums Moldau liegt eingebettet zwischen sieben Hügel. Während des Ersten Weltkrieges war Iași provisorische Hauptstadt Rumäniens. Es wird ein freundlicher Empfang, ein schmucker Stadtkern und auch ein „Stammbeisl“ ist gleich gefunden. Hier treffen jung und alt, Trinker und Student_innen zusammen, eine Oase an einem heißen Tag.
Nach dem verpflichtenden Zentrumsrundgang zerstreut eine Stadtausfahrt mit der Tram. Die Wahl fällt zufällig auf die Linie 7, eine alte Garnitur mit Stoffsitzen. Die Historie ziert das Zentrum, kurz außerhalb verschwindet der Chic und es dominieren die Plattenbausiedlungen realsozialistischer Bauart. Verstreut einige Supermärkte, Kioske, Spielhallen und an jeder zweiten Kreuzung eine Autowerkstatt. Der Hunger treibt zurück ins Zentrum und als Schlummertrunk wartet ein Achterl Pálinka. Den Obstbrand spendiert ein junger Student, Gastfreundschaft steht in Rumänien ganz oben auf der Liste!