Grenzerfahrungen, Verrückte und ein Zelt am Fluss


4. Tag: Donnerstag, 4. Juni 2026

Strecke: Chust – Wylok (UA) – Tiszabecs (HU) – Tivadar

Streckenlänge: 72 km (gesamt 177 km)

Die letzten Kilometer bis zur Grenze fallen unter die Kategorie Arbeit. Verkehrsreich ohne erwähnenswerte Erlebnisse, die Theiß hält sich schüchtern im Hintergrund. Am Grenzübergang zu Ungarn wollen es die ukrainischen Beamten genau wissen, das Minimal-Gepäck wird gründlich durchwühlt. Hingegen die ungarischen Zöllner lassen sich vom Bobo-Porsche blenden und beschränken sich aufs Notwendigste. Eine Zeitlang ist die Theiss Grenzfluss bevor sie scharf nach links in Richtung Ungarn abbiegt. Das Verkehrsaufkommen bewegt sich Richtung Null. Eine einsame Straße führt durch verschlafene Dörfer und Aulandschaften. Mehr Störche als Menschen. Nur, wenn „Verrückte“ unterwegs sind (wie auch in den vergangenen Tagen), liegt die Wahrscheinlichkeit einer ungefragten Kontaktaufnahme bei nahezu hundert Prozent. Sehr nette Menschen, aber in Verschnaufpausen nicht immer bereichernd.

Bei Kisar kommt es zur ersten direkten Kontaktaufnahme mit der Theiß, der Campingplatz ist geschlossen was einem Nacktbad entgegenkommt. Auch am gegenüberliegenden Ufer in Tivadar ist die Campingsaison noch nicht eröffnet und so wird das Zelt „wild“ neben dem Fluss aufgestellt. Erfrischungsgetränke gibt es in Reichweite, einer ersten gelungenen Zeltnacht steht nichts im Wege!

Huzulen, ein unerbittlicher Straßenhund und ein böser Zaun


3. Tag: Mittwoch, 3. Juni 2026

Strecke: Rachiw –  Dilowe – Solotwyno – Tjatschiw – Chust

Streckenlänge: 105 km

Heute wird aufgesattelt, immer der Theiß entlang. Die Gegend um Rachiw gilt als Huzulenhochburg, der Geschichte des Bergvolks widmet sich ein eigenes Museum. Es geht durch das Biosphärenreservat Karpaten, in Dilowe orteten monarchische Geografen einen der inzwischen vielen Mittelpunkte Europas. Ein Denkmal von 1887 untermauert diese These.

Nach Dilowe wird die Theiß zum Grenzfluss zwischen der Ukraine und Rumänien. Auf ukrainischer Seite begleitet sie ein scharfer Grenzzaun. Zusätzlich patrouilliert das Militär um kriegsmüde Wehrpflichtige an der Fahnenflucht zu hindern. Ein unfreundlicher Straßenhund lenkt die Aufmerksamkeit weg vom Zaun, die darauffolgende Verfolgungsjagd geht um Haaresbreite an das Team Bobo-Porsche (Brompton Faltrad).

Ab dem Grenzübergang zu Rumänien (Sighetu Marmației) verliert die Strecke ihre Reize. Statt kleinen Einfamilienhäusern mit üppigen Vorgärten, reihen sich unpassende „Schlösschen“, teilweise noch im Rohbau an beide Seiten der Straße, zusätzlich nervt das verstärkte Verkehrsaufkommen. Gesichtslose Kleinstädte und Dörfer wechseln sich ab. In Chust ist Endstation. Chust ist anders, auf einem Hügel sitzt eine Ruine, der Hauptplatz ist großzügig angelegt und es bietet Angebote für Zerstreuung. Allgemein auffallend die hohe Frauenquote und die kaum vorhandenen Männer im Mittelalter. Die meisten Männer im Stadtbild schauen von Plakaten, neben ihnen eine gelb-blaue Fahne, unter ihren Köpfen Blumengestecke. Obwohl der Wiener Stephansdom an Kilometern gemessen näher liegt als die Front im Osten des Landes, macht der Krieg keine Unterschiede. Beim Abendessen setzt sich der Krieg an den Tisch, ein Afghanistan-Veteran und ein Frontsoldat auf Heimaturlaub messen sich mit ihren Erfahrungen. Ein tragisches Match …

Mit der Kombi Bahn, Bus und Rad bis zum Startpunkt


2. Tag: Dienstag, 2. Juni 2026

Strecke: Satu Mare – Baia Mare – Sighetu Marmației (RO) – Solotwyno (UA) –  Welykyj Bytschkiw – Dilowe – Rachiw

Die „brutalistische“ Wetterlage geht in die Verlängerung, die Schleusen bleiben offen, Starkregen ohne absehbares Ende. Auch die Odyssee der Anreise setzt sich fort. Von Satu Mare geht heute kein Bus in die rumänische Grenzstadt Sighetu Marmației, also mit der Bahn weiter nach Baia Mare. Der Busbahnhof der Stadt hat seine guten Zeiten längst hinter sich. Kein Infobüro, keine Tafeln, einfach nix. Die mündlichen Nachfragen scheitern meist an Sprachbarrieren. Irgendwann geht einer, soviel ist fast sicher. Es findet sich ein letzter Platz in einem Kleinbus. Unterwegs füllen sich auch die Stehplätze zwischen den Sitzreihen. Jetzt passt Nichts und Niemand mehr rein. Für die Sicherheit sorgen Heiligenbilder oberhalb der Frontscheibe des Fahrers. Alles gut, zwei Stunden später rollen Rad und Fahrer über die Theiß, gleichzeitig die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine. Der erste Lokalaugenschein des zu bereisenden Flusses. Die Grenzformalitäten sind schell abgehandelt, es fehlen nur noch die letzten rund 50 Kilometer zum Ursprung. Ein Stück mit dem Rad, später kommt dann doch noch ein Mini-Bus. Am späteren Nachmittag ist der Startpunkt der Tour erreicht: Die transkarpatische Kleinstadt Rachiw, dort wo sich die Wasser der Schwarzen und Weißen Theiß vereinigen (siehe Foto) um fortan schlicht als Theiß Richtung Donau zu mäandern. 

Heimreise, Zusammenfassung und das Zielfoto


11. Tag: Montag, 29. September 2025

Strecke: Lwiw – Wien

Abreisetage haben selten was erbauliches: Über Lwiw haben sich dunkle Regenwolken festgesetzt und der verflixte Busbahnhof befindet sich am Rande der Stadt. Pünktlich ist er, der verflixte Bus, und es beginnt eine mehr als 17 stündige Heimreise. Viel Zeit um den Reisebericht nachzuschreiben, in der Ukraine war der Blog nicht ins Netz zu bekommen … Als Nachreichung gibt es noch das offizielle Zielfoto!

Zusammenfassung:

Reisetage: 11

Länder: Österreich, Slowakei, Ukraine

Gefahrene Kilometer: 856 km (Netto-Kilometerangabe von der Lembergstraße nach Lwiw. Inklusive Bahn/Bus-Strecken, exklusive Stadtrundfahrten.

Übernachtungen: 4 Zeltnächte und 6 Nächte in gemachten Betten.

Vielen Dank für‘s Mitreisen und Mitfiebern! Nach der Reise ist vor der Reise, wo die nächste Ausfahrt hingeht ist bis dato ungewiss …

Alles Liebe & Dank

Mario

Rummelplatz, Zwischenwelt und Geschmacklosigkeiten


10. Tag: Sonntag, 28. September 2025

Strecke: Lwiw

Der Bobo-Porsche hat heute einen wohlverdienten Ruhetag. Der Fahrer macht sich zu Fuß auf, um die Stadt zu entdecken.

Lemberg war einst in der Habsburgermonarchie Hauptstadt des Königreichs Galizien. Der alte Herr, der Kaiser Franzl, ist im Stadtbild noch immer präsent: Von einigen Hauswänden gafft es als Graffito. Eine renommierte Konditorei hat ihn eingerahmt und an die Wand genagelt.

Wie in Wien ist auch die Innenstadt von Lwiw von einer Ringstraße eingekesselt. Der von Krieg und Sowjetzeit größtenteils verschont gebliebene Altstadtkern, mit seinen mannigfaltigen Baustilen, steht auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Was der Stadt, außer einer Degradierung zu einem touristischen Rummelplatz, wenig eingebracht hat. Am spannendsten ist die Stadt dort, wo die Innenstadt aufhört und die Vorstadt noch nicht angefangen hat. Die Reich-Und-Schön-Dichte lässt deutlich nach und es breitet sich das ungeschminkte Leben aus. Nicht immer schön anzusehen, aber dafür ehrlich …

Eine Geschmacklosigkeit am Rande: Der vor allem in der Westukraine bis heute verehrte, nationalistische, ukrainische Politiker und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera, darf überlebensgroß auf einem Sockel in der Stadt herumstehen, darüber hinaus trägt eine Straße seinen Namen. Die dazugehörige Pikanterie: Sogar den Nazis wurde Bandera zu unberechenbar und so landete er als „Ehrenhäftling“ im KZ Sachsenhausen. Später ermordete ihn ein KGB-Agent in München.

Aber zurück dorthin, wo die Stadt am aufregendsten ist. In dieser Zwischenwelt findet sich ein wunderbares Imbiss-Wirtshaus. Vor dem Vordach brettern Tramway und Bus, Straßenverkäufer:innen stehen sich erfolglos die Füße in den Bauch und unter dem Dach dominieren die hochprozentigen Erfrischungsgetränke. Viel besser als Kino!

Am Ziel, Trauer und Ausgelassenheit leben nebeneinander


9. Tag: Samstag, 27. September 2025

Strecke: Sambir – Lwiw

Streckenlänge: 76 km (gesamt 856 km)

Die letzten Kilometer der Vortages würden sich heute auf unverschämte 76 Kilometer ausweiten: Eine elendslange Gerade mit massig Verkehr. Da wird nicht lange gefackelt und lieber ein Marschrutka genommen. Das Sammeltaxi führt bis an den Stadtrand, dann ist Endstation. Auf Geh- und vereinzelten Radwegen, nur im Ausnahmefall wird die Straße frequentiert, wird sich dem Stadtzentrum angenähert.

Am Rynok Square, dem alten Marktplatz von Lemberg, in der historischen Altstadt ist das Ziel erreicht: Kilometerstand 856. Jetzt erstmal ein Erfrischungsgetränk. Die Innenstadt brodelt, schicke Menschen flanieren kreuz und quer, die Lokale sind voll, die Teller üppig gefüllt. Der erste Eindruck vermittelt nichts von einer Stadt im Krieg. Der zweite Eindruck holt einen schnell zurück in die Realität: Vor dem Rathaus fährt eine Wagenkolonne vor, es folgt eine Lautsprecherdurchsage. Binnen Sekunden kehrt Stille ein, das Gewusel kommt zum Stillstand, die Menschen erheben sich von ihren Sitzen, viele knien sich nieder. Einsam am vollen Platz ertönt eine traurige Trompete. Wieder ist die Stadt um ein Leben ärmer.

Das George Hotel verwöhnt mit einem exklusiven Zimmer mit Raucherbalkon. Das Ankommen muss  erst einmal verdaut werden …

Mit der Tatsache, dass alle direkten Bahnverbindungen nicht mehr verfügbar sind kommt die nächste Hürde. Letzter Ausweg ein verflixter Bus.

Inzwischen ist der Trubel wieder voll im Gange. Vor dem Denkmal des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, spielt ein junger Mann auf seiner Gitarre. Der Reaktionen des Publikums nach zu urteilen, ein ukrainisches Hit-Potpourri. Es wird mitgesungen, ausgelassen getanzt und gejubelt. Das Leben wird gefeiert!

Die Nachtstunden sprechen wiederum eine andere Sprache. Irgendwann beginnen die Sirenen zu heulen und einen Lautsprecherstimme formuliert einen sprachbedingt unverständlichen Text …

Ein Triathlon, viel Schein und vom Sein


8. Tag: Freitag, 26. September 2025

Strecke: Uschok – Uschok-Pass (853 m) – Turka – Staryj Sambir – Sambir

Streckenlänge: 88 km (gesamt 780 km)

Der neue Tag beginnt mit Rad schieben, ganze sechs Kilometer rauf zum Uschok-Pass. Oben angekommen eine Straßensperre, das Militär kontrolliert die Pässe und gibt die Bahn frei zur ersten kurzen Abfahrt. Die nächsten 40 Kilometer geht es rauf und runter am laufenden Band. Das Motto: rauf schieben, runter rollen, alles was dazwischen liegt wird getreten … Ein klassischer Triathlon!

So geht das fast den ganzen Tag. Ab dem frühen Nachmittag schaltet sich nach langem wieder einmal die Sonne ein und wärmt die durchgefrorenen Glieder. Staryj Sambir, eine überraschend liebliche Kleinstadt und willkommene Abwechslung. Die letzten 20 Kilometer führen schnurgerade, samt erhöhtem Verkehrsaufkommen nach Sambir.

Gleich vorweg, Sambir ist keine Stadt für Romantiker:innen. Es bröckelt an allen Ecken und Enden, trotzdem wird allen  angesagten Trends eifrig nachgehechelt: Barber-Shops, Coffee-Lab, … Nur, es fehlt die Kundschaft. Der Schein will nicht zum Sein passen. Rund um den Markt verkaufen Frauen Selbstangebautes aus dem Garten. In einer Seitengasse zum zentralen Platz wird mit großen Porträts und Fahnen den gefallenen Söhnen der Stadt gedacht. 

Das einzige was immer glänzt sind die Kuppeln und Dächer der Gotteshäuser.

Über die Grenze, Transkarpatien und ein Land im Krieg


7. Tag: Donnerstag, 25. September 2025

Strecke: Ladomirov (SK) – Malyj Beresnyj (UA) – Welykyj Beresnyj – Kostryna – Uschok

Streckenlänge: 61 km (gesamt 692 km)

Nur noch ein Katzensprung bis zur ukrainischen Grenze. Der Andrang ist überschaubar, einige Fußgänger:innen, wenige Autos, ein Rad plus Fahrer. Die Grenzformalitäten sind schnell abgehandelt, der Bobo-Porsche sorgt für mitleidige Erheiterung. Über der Grenze wird ein Hunderter in die Landeswährung Hrywnja getauscht. 

Die befürchteten Steigungen bleiben vorerst aus. In Welykyj Beresnyj zeigt sich bald, dass sich das Land im Krieg befindet. Übergroße Plakate werben heroisch für den Einsatz fürs Vaterland. Wenige Kilometer weiter werden die heldenhaften Heimkehrer gewürdigt, mit einem stolzen Bild in Stein gemeißelt, daneben eine blau-gelbe Flagge. Es sind viele Gesichter, sehr junge Gesichter.

Eine Straßentafel weist den Weg nach Lwiw, 220 Kilometer. Es gibt nur diese einzige Straße. Daneben fließt als ständiger Begleiter der Fluss Usch durch den gleichnamigen Nationalpark (Uschanskyj nazionalnyj pryrodnyj park) im Oblast Transkarpatien, an der Grenze zur Slowakei und Polen. Kleine Ortschaften, rechts und links der Fahrbahn Einfamilienhauser mit üppig bepflanzten Vorgärten. Das Geflügel bewegt sich vor und hinter den Zäunen. Die Hunde hinter den Zäunen geben Laut, die Straßenhunde davor sind erfreulich friedlich. Zwischendurch wird die Straße gesperrt und die Personalien kontrolliert. Und immer wieder lockert das Faltrad die Stimmung und sorgt für wohlwollendes Kopfschütteln.

Das gemachte Bett steht heute in Uschok, einer langgezogenen Ortschaft, wie auch alle vorangegangenen Ortschaften. Ein ABC-Markt für die notwendigsten Dinge, mit Tischen vor der Hütte zwecks der geselligeren Konsumation. Natürlich eine Kirche, aber auch eine wunderbare, für das rundherum fast überdimensionierte, kleine Hotelanlage mit Restaurant. Die Küche ist großartig, die Dauerbeschallung nervt!