Eine Bärenfährte, ein Weltkulturerbe und von Hühnern umzingelt


  1. Tag: Montag, 16. Mai

Strecke: Gura Lalei – Sucevița – Suceava

Streckenlänge: 164 km

Es bringt Frohsinn, wenn die wärmende Sonne hinter dem Berggipfel auftaucht. Frühstück auf der Alm mit anschließendem Geschirrabwasch im Bach. Auf der Spur des Bären führt der Weg zurück zum Ausgangspunkt. Auf den Nebenstraßen mischt sich ein weiterer Teilnehmer ins Verkehrsgeschehen ein, das Pferdefuhrwerk. Zwei Pässe und ein Weltkulturerbe weiter, das Moldaukloster Sucevița, landet das Automobil auf einer unbefestigten Straße mitten am Dorfplatz, umringt von noch lebendigem Hühnerfleisch. Vom versprochenen Campingplatz keine Spur, also doch wieder ein gemachtes Bett in der Kreishauptstadt Suceava.

Kirchgang, Einserpanier und ein Wandertag mit Hindernissen


  1. Tag: Sonntag, 15. Mai

Strecke: Sighetu Marmației – Bârsana – Borșa – Gura Lalei

Streckenlänge: 120 km
Wanderung: 4 h

Sonntag ist Kirchtag, aus allen Ecken strömen fromme Menschen in Richtung Bethaus. Dem Schöpfer zu Ehren, alle in der Einserpanier: Die Frauen tragen Faltenrock, weiße Bluse und Kopftuch, Rock und Kopftuch sind farblich ident, von bunt gemustert bis einfärbig schwarz. Die Männer treiben weniger Aufwand, die meisten kombinieren schwarze Hose, weißes Hemd und ein pelziges Gilet. Ob Stadt, ob Dorf, ob jung, ob alt, alle sind unterwegs, so auch im Mănăstirea Bârsana.
Der Gottesdienst wird im Freien abgehalten, ein Engelsgesang aus Frauenstimmen begleitet die orthodoxe Liturgie. Der Kreis Maramureș ist auch bekannt für seine zahlreichen Holzkirchen, das Resultat eines Verbotes orthodoxe Kirchen aus Stein zu errichten. Die Holzkirchen-Dörfer-Tour führt hinein ins Rodna-Gebirge, das Ziel ist der Lacul Lala Mare, einer von 28 Gletscherseen im Nationalpark. Immer der reissenden Lala entlang, bis zum See. Haus und Küche werden im Rucksack verstaut, der Einstieg in die „einfach“ beschriebene Route verläuft nach Plan. Eine Forststraße, immer zart bergauf. Die Tücken liegen im Detail: unzählige entwurzelte Bäume versperren den Weg, die Schneeschmelze macht den Fußweg zum Rinnsal und später auf schattigen Waldpfaden liegt noch tiefer Schnee. Eineinhalb Kilometer vor dem Ziel bleibt der erste alpine Ausflug der Reise im Schnee stecken. Rückzug mit Gepäck, auf einer Wiese gespickt mit Krokusblumen wird das Mobilheim errichtet, Bärenspuren ignoriert, das Nudelwasser aus dem Bach geschöpft und eine Fertig-Pasta zubereitet. Für ein Flascherl Rotwein war auch noch Platz im Rucksack …

Ein Puszta-Stückerl, unwirkliche Paläste und eine lustiger Friedhof


  1. Tag: Samstag, 14. Mai

Strecke: Tiszafüred – Hortobágy – Debrecen (HU) – Carei (RU) – Satu Mare – Negrești-Oaș – Săpânța – Sighetu Marmației

Streckenlänge: 288 km

Unendliche Weiten, Steppe soweit die Augen sehen: Rindvieher in Gruppen, Störche auf der Suche nach Kriechtieren, unterschiedlichstes Gefieder und vereinzelte Ziehbrunnen. Rund um Hortobágy breitet sich Ungarns größter Nationalpark aus, ein echtes Puszta-Stückerl. Debrecen wird durchrollt, bleibt aber unbeachtet. Mit dem Grenzübertritt ändert sich auch das Landschaftsbild: Feld reiht sich an Feld und die Früchte warten am Straßenrand auf Abnehmer_innen. Derzeit im Überangebot, die Erdbeere. Gartenhäuser prägen die Dörfer, die Plattenbauweise regiert die Städte. Nach Satu Mare schraubt sich eine kurvenreiche Landstraße, weg von der Ebene, in eine saftig grüne Hügellandschaft. Eine Kuriosität am Weg ist das Dorf Certeze, protzige Päläste säumen die Straßenränder, der in Beton gegossene Stolz der Arbeitsmigrant_innen. Fast ganzjährig unbewohnt, nur in den Sommerferien steht ein dicker Schlitten vor der Haustür. Es gibt ein Wiedersehen mit der Theiß, über mehrere Kilometer bildet sie die Grenze zur Ukraine. In Săpânța sorgt der „Fröhliche Friedhof“ für Gäste. Der inzwischen selbst verstorbene, ortsansässige Künstler Stan Ioan Pătraș, hat über Jahre die hölzernen Grabstelen mit bunten Bildern und flotten Versen über die Leben der Verstorbenen versehen. Der abgebildete Mann hat sich sehr wahrscheinlich mit seinem roten SUV „derstessen“!
Am Campingplatz von Sighetu Marmației steht kniehoh das Gras und der Betreiber schüttelt bedauernd sein Haupt … Heute gibt es wieder Bett mit Leintuch und Decke!

Ungarn querfeldein, ein Erholungsgebiet in Arbeit und eine Wolke aus Durst


  1. Tag: Freitag, 13. Mai

Strecke: Dömös – Visegrád – Szentendrei – Aszód – Hatvan – Tiszafüred

Streckenlänge: 204 km

Gaskocherkaffee bei Nieselregen, Hausabbau, Weiterfahrt. Bei Visegrád biegt sich die Donau zu einem Knie, oben am Berg sitzt fett die Burg der ungarischen Könige. Die touristische Hoch–Burg Szentendrei, ein aufpoliertes Schmuckstück direkt am Schdrom, ist die letzte stille Oase vor der ausufernden Hauptstadt. Budapest wird nur am Rande gestreift und die Räder rollen querfeldein weiter Richtung Osten. Die landschaftlichen Reize unterweg wissen sich bis zur Puszta-Ebene gut zu verstecken. Die Theiß ist der längste Nebenfluss der Donau und der Theiß-See ist die unaufgeregtere Variante zum Plattensee, sehr beliebt bei Anglern und blutsaugenden Mistviechern. Ein Biotop aus Wasser, Schilf und einem Schleier aus weißen Pollen. Die an der Theiß angelehnten Ortschaften befinden sich in der Vorbereitungsphase auf die Sommersaison, die Booterln werden ins Wasser gelassen, die Verpflegungsstationen bekommen einen neuen Anstrich und die Campingplätze erholen sich noch vor dem großen Ansturm. Den lauschigen Abend stört nur das Surren rund um die Ohren: „1.000 Gelsen, eine Wolke aus (Blut-)Durst!“

Entschleunigte Anreise, klappernde Störche und immer den Schdrom entlang


  1. Tag: Donnerstag, 12. Mai

Strecke: Wien – Kittsee (AT) – Komárno (SK) – Štúrovo – Esztergom (HU) – Dömös

Streckenlänge: 242 km

Vorhang auf – endlich wieder! Die Mutation ist frühjahrsmüde und die Koffer werden wieder gepackt. Diesmal bleibt das muskelbetriebene Zweirad zusammengefaltet zu Hause und das benzinbetriebene Vierrad wird aktiviert. Für den Anreisetag ist eine Kurzstrecke die beste Option. Auf entschleunigten Wegen jenseits der Hauptverkehrsadern werden Grenzen getauscht. Die erste Station ist das slowakische Komárno, die Schwesterstadt der ungarischen Ansiedlung Komárom, getrennt durch den Schdrom, miteinander verbunden durch drei Brücken. Irgendwann waren die beiden Hälften eins, heute liegt das einstige Stadtzentrum auf der slowakischen Seite. Auch die Festung des einstigen Königsreichs Ungarn, wo sich bereits die anstürmenden Osmanen die Zähne ausgebissen haben. Darüber hinaus öffnete der Komponist Franz Lehár in der ehemaligen K&K Monarchiestadt das erste Mal seine Augen. In den Dörfern am Weg klappern die Störche, einige Radumdrehungen weiter, thront am ungarischen Donauufer die Basilika von Esztergom. Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zur heutigen Bettenstation, das Zelt steht fast direkt am Schdrom. Das Nass ist noch kühl, sich schdromabwärts treiben zu lassen macht große Freude. Die Reiseschiffe in der Gegenrichtung plagen sich dafür ordentlich …

ps: „Schdrom“ (© Ernst Molden), gleichzeitig eine schwer ans Herz gelegte Schallplattenempfehlung (2016 erschienen bei Monkey Music), steht für die Donau.

Vorhang-Auf-Tour @ Treibgut


Noch einmal wird der Eiserne Vorhang aufgerollt, also abgeradelt. Mit dem Faltrad! Die «Vorhang-Auf-Tour» macht Station im Treibgut-Gastrocontainer der Moserei im Almtal. Die Bildstrecken werden diesmal begleitet von Kontrabass, Schlagzeug und Synthesizer. Ein grenzenloses Bild-Ton-Erlebnis!
https://www.treib-gut.org/veranstaltungen.html

Verregneter Abschied, schdromaufwärts und eine Zusammenfassung


  1. Tag: Freitag, 8. Oktober

Strecke: Bezdan (SRB) – Budapest (HU) – Wien (A)

Streckenlänge: 448 km

Das Frühstück wird im Vierrad konsumiert, Fenster zu, Regentropfen verstellen einen klaren Blick auf den Schdrom. Der Rest ist schnell erzählt: rauf auf das graue Band, immer die Donau entlang, schdromaufwärts, durch Ungarn durch, rein in eine politische Krise, bis zur Abfahrt Wien/Erdberg, …
Zu Hause haben sich die Ereignisse überschlagen, was auch immer passiert, eine LINKSwende muss her!

In diesem Sinne eine kurze Zusammenfassung:

Reisetage: 20

Länder: Österreich, Ungarn, Serbien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Türkei und retour.

Übernachtungen: 7 Nächte im Zelt, 12 Nächte im gemachten Bett

Gefahrene Kilometer: 4.459

Vielen Dank für‘s Mitreisen/-lesen …,
bis zur nächsten Ausfahrt!
Alles Liebe
Mario

Ein aufgebrachter Schdrom, Wehmut und das letzte Abendmahl


  1. Tag: Donnerstag, 7. Oktober

Strecke: Stari Slankamen – Novi Sad – Apatin – Bezdan

Streckenlänge: 164 km

Der Wind ist nicht zu beruhigen, der Schdrom ist aufgebracht. Ein Teil der für heute angedachten Strecke ist bereits abgefahren, das vergrößerte Zeitfenster wird in vermehrte Erfrischungspausen investiert. Eine kulturelle Pause bringt die Festung Petrovaradin hoch über dem Schdrom mit einem besonderen Blick auf Novi Sad. Der vorletzte Tag lässt Wehmut aufkommen, die trübe Großwetterlage hilft kräftig mit und auch die Lieblingsplätze strahlen nicht wie gewohnt. Einzig die Pikec Čarda, Start- und Endpunkt direkt am Schdrom, kann die Stimmung trotz Regen anheben. Diesmal nicht unter freien Himmel, diesmal in der Stube, ein letztes Abendmahl mit Live-Musik und Fischgulasch.

Wieder an Schdrom, Wind aus allen Richtungen und Planen unmöglich


  1. Tag: Mittwoch, 6. Oktober

Strecke: Belogradschik – Vidin – Bregovo (BUL) – Negotin (SRB) – Donji Milanovac – Golubac – Ram – Belgrad – Stari Slankamen

Streckenlänge: 460 km

Den zweiten Rückreisetag dominiert der Wind. Kein Rückenwind, kein Gegenwind, es bläst aus allen Richtungen. In Vidin gibt es nach fast zwei Wochen ein Wiedersehen mit dem Schdrom. Vidin liegt in einem Dreiländereck eingebettet, nördlich, sowie am gegenüberliegenden Ufer wird rumänisch gesprochen, ein Stück weiter westlich serbisch. Die Donauuferpromenade ist das reizvollste an der Stadt, Leben möchte man hier lieber nicht, es bröckelt an allen Ecken und Enden. Ein Grenzübertritt ohne langen Aufenthalt und nach einem Abstecher ins Landesinnere rollen die Räder durch den Nationalpark Đerdap zurück zum Schdrom. Zwischen serbischen und rumänischen Donauufer ist der Schdrom am reizvollsten. Der Fluss durchbricht die südlichen Karparten, breitet sich aus zu Seenlandschaften und verdünnt sich zu schmalen Durchbrüchen. Die Festung Golubac bäumt sich auf und später unterhalb der Festung von Ram, inzwischen liegt beiderseits der Donau wieder serbisches Festland, führt eine Autofähre ans gegenüberliegende Ufer. Heute nicht, der starke Wind macht den Schdom unpassierbar. Somit wird eine Weiterfahrt nach Bela Crkva verunmöglicht. Die Reise bleibt unplanbar, auf Umwegen, inzwischen bei Kunstlicht, durch das herausfordernde Belgrader Autobahnkreuz, bis zu einer weiteren Herzstation, der kleinen Ortschaft Stari Slankamen, dem heutigen Zielhafen.

Ein letzter Blick auf’s Schwarze Meer, Rückreisemarathon und ein gemütlicher Tagesausklang


  1. Tag: Dienstag, 5. Oktober

Strecke: Burgas – Sofia – Belogradschik

Streckenlänge: 537 km

Burgas, die Industrie- und Hafenstadt am Schwarzen Meer, ist freundlicher als ihr Ruf, nach einem Morgenspaziergang beginnt der Rückreisemarathon. Kein Tag für Feingeister, rauf auf die Autobahn, der Bleifuß klebt am Gaspedal, Kilometer werden gefressen. Ab Sofia wird der Highway gegen eine Landstraße getauscht. Eine kurvenreiche Strecke führt in den nordwestlichen Zipfel Bulgariens. Ein Zeltplatz mit angeschlossenem Gasthaus lassen einen harten Arbeitstag gemütlich ausklingen.